Wir sollten über diversity und cultural appropriation in der deutschsprachigen Literatur nachdenken.

Das Folgende ist weniger ein fertiger Artikel als viel mehr eine Sammlung von – hoffentlich – Denk- und Diskussionsanstößen, die dazu führen, dass jemand, der das besser kann, schönere Posts über diese Themen schreibt. Leider ist es mir trotz ernsthaften Bemühungen und mehrfachen Anläufen nicht gelungen, einen vernünftigen Beitrag zu verfassen, ich reiße darum hier nur ein paar Sachen an. Bitte korrigiert meine Fehler und ergänzt meine Lücken in den Kommentaren. Danke.

Zu: diversity

1976 erklärte der amerikanische Comedian Richard Pryor seinem Publikum im Roxy Theatre: „I went to see ‚Logan’s Run‘, right? A movie of the future? There ain’t no niggers in it! I said, ‚Well white folks ain’t planning for us to be here!‘ That’s why we got to make movies.“ (Dieses Zitat wurde übrigens von Glenn Ligon für sein Bild „Silver the future 2“ verwendet.) Und eigentlich könnte man den Artikel mit diesem Zitat schon wieder beenden, denn warum diversity wichtig ist, geht daraus wohl klarer hervor als aus allem, was dazu noch geschrieben werden kann: Fehlende kulturelle Repräsentation einer Gruppe der Gesellschaft ist ein Ausschließungsmechanismus, der dieser Gruppe das Gefühl gibt, dass sie nicht dazu gehört, dass sie unerwünscht ist. Im Gegenteil gesprochen: Kulturelle Repräsentation hilft Menschen, sich als Teil einer Gesellschaft wahrzunehmen. Und darum ist diversity wichtig: Weil alle das Recht haben, sichtbar zu sein und sich repräsentiert zu sehen.

Wenn ich „diversity“ schreibe meine ich nicht nur: Pluralität der Geschlechter, sondern ich meine den vollen Umfang: Ich meine, dass in deutschsprachiger Literatur handlungstragende Figuren nicht nur alle Geschlechter haben können sollten, sie sollten auch unterschiedliche Hautfarben haben, körperliche Einschränkungen haben, unterschiedliche sexuelle Orientierungen haben etc.etc. Und ich sehe nicht, dass die deutschsprachige Literatur divers wäre, selbst das Auftreten von Figuren mit einem Migrationshintergrund überlässt man hierzulande ja eher Autoren der sog. „Migrationsliteratur“ – anscheinend haben viele deutsche Autoren keine türkischen Freunde, keine homosexuellen Freunde, keine rollstuhlfahrenden Freunde, weswegen sie nicht auf die Idee kommen, dass ihre sehr weißen, sehr heterosexuellen, sehr „gesunden“ Figurenensemble vielleicht realitätsfern sein könnten.

Diversity ist im englischsprachigen Raum auch im Bereich der Literatur schon länger ein Thema – es überrascht nicht, dass man das in Deutschland noch kaum auf dem Schirm hat, schließlich würden selbst im Jahr 2016 manche am liebsten noch wegdiskutieren, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist und „Multikulti“ galt hier ja schon als gescheitert, als man sich noch nicht mal ernsthaft darum bemüht hatte. Der deutsche Bildungssystem ist nach wie vor im internationalen Vergleich richtig spitze darin, schichtspezifische Bildungsungleichheit zu reproduzieren, will sagen: PISA hat vor allem gezeigt, dass in Deutschland in sehr viel stärkerem Maße als in den meisten anderen Ländern der Schulabschluss eines Kindes vom Schulabschluss der Eltern abhängt. Kinder von Akademikern werden wahrscheinlicher selbst Akademiker. Das grenzt selbstverständlich auch Kinder mit Migrationshintergrund aus.

Und warum lesen die auch immer keine Bücher? Vielleicht, weil es zu wenig Bücher für sie gibt. Wer liest, weiß, dass es eben nicht unerheblich für den Zugang zu einem Buch ist, ob man sich mit der Hauptfigur identifizieren kann. Ein Kind, das selbst im Rollstuhl sitzt, würde vielleicht gerne auch mal ein Buch über ein Kind mit einer körperlichen Einschränkung lesen. Ein Kind, das eine dunklere Hautfarbe hat, würde vielleicht gerne mal ein Buch lesen, in dem ein Kind mit dunkler Hautfarbe der Held und der Coole ist. Ein Teenager, der beobachtet, dass er sich mehr zum eigenen als zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt, fände es vielleicht ermutigend, ein Buch zu lesen, in dem es einer Figur genauso geht. Es sollte schlichtweg für jedes Kind ein Buch geben.

Aber damit eben nicht genug: Es sollte überhaupt für jeden ein Buch geben. Und die gesellschaftliche Vielfalt sollte auch in Literatur abgebildet sein. Mein persönliches Umfeld ist nicht so weiß, heterosexuell und „gesund“ wie das Umfeld vieler Figuren in Büchern, die ich lese. Viele Leser fühlen sich schnell gestört, wenn eine Figur in einem Buch nicht realistisch konstruiert wurde oder nicht „authentisch“ wirkt, wie viele dazu ja auch sagen. Aber: Warum stören sich so wenige daran, wenn das Figurentableau eines Buches nicht realistisch konstruiert wurde? Wenn diese Leser ihre Freundesliste auf facebook durchschauen: Sind da wirklich alle weiß und heterosexuell?

Ich will mich nicht dafür aussprechen, diversity zu dem Qualitätskriterium überhaupt zu machen – natürlich ist ein Buch nicht erst dann gut, wenn es auch homosexuelle Figuren enthält o.ä. Natürlich bleiben Sprache und Plot die zentralen Qualitätsmerkmale. Und ich spreche mich auch definitiv nicht dafür aus, einzelne Autoren dafür anzugreifen, dass ihre Figuren nicht divers sind. Aber ich finde, wir sollten über diversity nachdenken. Und ich finde, auch deutschsprachige Autoren sollten darüber nachdenken. Zumindest diejenigen sollten das tun, die davon ausgehen, dass Bücher das Leben ihrer Leser verändern könnten. Etliche weitere und schöner formulierte Gründe für diversity in Literatur finden sich in diesem Video und auf den anderen Videos des zugehörigen youtube-Kanals, wer dazu noch ein bisschen suchen will, wird auf englischsprachigen Blogs und Booktube-Kanälen dazu eine Menge finden:

Und, noch am Rande: Ich war ein wenig belustigt, zu lesen, dass der Chamisso-Preis, also der Preis für deutschsprachige Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund, ab dem nächsten Jahr nicht mehr vergeben werden soll. Die Begründung dafür ist, dass der Preis überflüssig geworden sei, da eben die Autoren, an die der Chamisso-Preis vergeben werde, inzwischen alle gängigen Literaturpreise gewinnen könnten. Ein Blick auf die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises dieses Jahres zeigt, dass dort Autoren wie Senthuran Varatharajah, Shida Bazyar oder Abbas Khider und andere fehlen, deren Bücher, die dieses Jahr veröffentlicht wurden, genauso long- und shortlistwürdig wären wie die Bücher der Autoren, die nun darauf stehen. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass dieser Chamisso-Preis, der eine bestimmte Autorengruppe aufgrund von Merkmalen, die vom jeweiligen Text unabhängig sind, auf einen bestimmten Preis hin ausgrenzt, nicht gerade schön ist, und dass Autoren mit Migrationshintergrund alle Literaturpreise gewinnen können sollten, dass da einfach kein Unterschied zwischen Migrationshintergrund und nicht-Migrationshintergrund gemacht werden sollte. Aber gerade angesichts der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis sehe ich eben nicht, wie man darauf kommt, dass der Chamisso-Preis genau jetzt auf einmal mit der gegebenen Begründung überflüssig wäre.

Zu: cultural appropriation

Vor ein paar Tagen wurde ich von einer Freundin auf facebook auf diesen Artikel von Yassmin Abdel-Magied im guardian aufmerksam gemacht, in dem es vor allem um cultural appropriation in Literatur geht. Als cultural appropriation / kulturelle Aneignung bezeichnet man die Aneignung von Traditionen oder Gegenständen einer Ethnie, bei der diese Tradition/dieser Gegenstand seiner eigentlichen kulturellen Bedeutung und seines eigentlichen Kontextes beraubt wird und dafür aber kapitalistisch nutzbar gemacht wird, so beispielsweise wenn man hierzulande Eintritt dafür bezahlt, um sich gegenseitig bei einem „Holi Fest“ mit Farbe zu beschmeißen, ohne dass das noch irgendeine weitergehende Bedeutung hätte. Tatsächlich ist ja anzunehmen, dass die meisten, die zu so etwas hingehen, bestenfalls noch wissen, dass das irgendwas mit Indien zu tun hat.

In dem oben verlinkten Artikel spricht sich Yassmin Abdel-Magied gegen cultural appropriation in der Literatur aus, wenn sie Lionel Shriver dahingehend widerspricht, dass es eben nicht selbstverständlich und in jedem Falle ok ist, als Autor über alles, was man möchte, zu schreiben, solange ein gutes Buch dabei entsteht bzw. das Buch funktioniert: „It’s not always OK if a white guy writes the story of a Nigerian woman because the actual Nigerian woman can’t get published or reviewed to begin with. It’s not always OK if a straight white woman writes the story of a queer Indigenous man, because when was the last time you heard a queer Indigenous man tell his own story? How is it that said straight white woman will profit from an experience that is not hers, and those with the actual experience never be provided the opportunity? It’s not always OK for a person with the privilege of education and wealth to write the story of a young Indigenous man, filtering the experience of the latter through their own skewed and biased lens, telling a story that likely reinforces an existing narrative which only serves to entrench a disadvantage they need never experience.“

Ich möchte den Ansatz und diesen Artikel deswegen gerne zur Diskussion stellen, weil ich diese Problematik schlichtweg – Privilegien sei Dank – nie auf dem Schirm hatte. Ich weiß auch nicht, ob man so weit gehen muss, zu sagen: Über dies und jenes darf man nicht schreiben, wenn es nicht die eigene Erfahrung ist. Ich glaube aber, dass der Artikel schon auf etwas Wichtiges aufmerksam macht, wenn er darauf hinweist, dass gleichzeitig, wenn ein wirkliches Interesse an diesen Geschichten existiert, etwas dafür getan werden muss, damit die Leute ihre Geschichten selbst erzählen können. Und dass eben nicht nur Bücher über irgendwelche Menschen existieren sollten, sondern Bücher von diesen Menschen selbst existieren müssen.

Und: Die Forderung nach diversity und die Forderung nach Vorsicht vor cultural appropriation schließen sich übrigens meiner Ansicht nach nicht aus.

Advertisements

22 Gedanken zu „Wir sollten über diversity und cultural appropriation in der deutschsprachigen Literatur nachdenken.

  1. Matthias Fiedler

    Hm, diversity in der Literatur und Vorsicht gegenüber cultural appropriation schließen sich nicht direkt aus, v.a. wenn das reale Erfahrungsfeld des Autors wirklich so divers ist, wie du es als heutigen Alltag konstatierst. Aber worüber soll beispielsweise ein weißer heterosexueller Mann mit unspektakulärer Biografie denn dann schreiben, wenn ihm bei Überschreitung der eigenen autobiografischen Grenzen der Vorwurf der appropriation droht, aber gleichzeitig alles schön divers sein soll? Muss der Erzähler etwa zu einem gewissen allgemein bestimmbaren Prozentsatz mit der Person des Autors identisch sein, damit dieser dem Vorwurf der appropriation entgeht?? (Meiner Meinung nach ist der Begriff in diesem Kontext nicht zutreffend). Das ist doch vielmehr eine Frage der literarischen Qualität des Autors, der Autorin, ob eine glaubwürdige Darstellung gelingt, wenn nicht, ist das Buch halt schlecht. Natürlich zeigt die Erfahrung, dass da oft eine gewisse Nähe zu den Figuren hilfreich ist, aber das ist keine (kultur)politische Frage. Eine solche ist es allerdings, welche Autor(inn)en überhaupt eine Chance haben, wahrgenommen zu werden, und nach welchen Kriterien der Buchmarkt funktioniert.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      „diversity“ heißt doch eben nicht, dass jetzt nur noch Bücher über syrische Kriegsflüchtlinge geschrieben werden sollen, sondern das heißt: Wenn dein Roman von einer deutschen Büroangestellten handelt, arbeiten dann in dem Büro wirklich nur deutsche, heterosexuelle Menschen, oder gibt es nicht realistischerweise vielleicht einen türkischstämmigen Kollegen, eine homosexuelle Kollegin, etc.? Zudem: Die Idee, ein Autor könne nur über das schreiben, was er kennt, halte ich für ziemlich verfehlt. Männliche Autoren schaffen es offensichtlich, weibliche Hauptfiguren zu entwerfen, weibliche Autorinnen gestalten ordentliche männliche Figuren.

      Antwort
      1. Matthias Fiedler

        Ich habe nicht den Eindruck, dass es zu wenig Diversität in deutschsprachiger Literatur gibt, abgesehen vielleicht von der ihr eh oft vorgeworfenen allgemein mangelnden „Welthaltigkeit“, also dem Problem, dass die Figuren oft ausschließlich um sich selbst kreisen und damit zwangsläufig die Perspektive sehr begrenzt ist. Man muss ja auch nicht von allen Figuren sämtliche biografische Details, wie sexueller Orientierung usw erfahren, v.a. wenn Diversität gar nichts besonderes mehr ist.
        Das beschriebene Problem seh ich viel stärker in anderen Medien, Fernsehfilmen, Kino, wo es vor Klischees nur so trieft und Diverses oft gar nicht oder als albernes Quotenexotikum oder Betroffenheitsquatsch abgehandelt wird (wobei auch hier eine Tendenz zur Besserung erkennbar ist). Im übrigen würde ich mich Monika (weiter unten) anschließen.

      2. kulturgeschwaetz Autor

        Wenn es genug Diversität gibt, dann: Nenne mir doch mal drei Bücher deutschsprachiger Autoren mit homosexuellen Figuren aus den letzten 50 Jahren. Ohne zu googeln. Wiederhole das Spiel mit: Rollstuhlfahrende Figuren, Figuren mit dunkler Hautfarbe.

      3. Matthias Fiedler

        Sorry, ich meinte vorhin natürlich Marion, nicht Monika. Das ist wohl die Diversität spontan ein bisschen durchgegangen mit mir..
        Die Empfehlung wird ja wohl sein, dass das Figurentableau der Romane in etwa dem der Realität entspricht. Ich habe nicht so viele neuere Romane gelesen – und von denen, die ich gelesen habe, in der Regel die Personenkonstellation gleich wieder vergessen, so dass daraus (schon prozentual) keine neun solcher Romane übrig blieben, die ich dir nennen kann.
        Zur Frage „nur über das schreiben können, was man kennt?“ (was ja sowohl das Thema diversity als auch cultural appropriation betrifft): wenn man von etwas keine Ahnung hat, kann man darüber auch nicht schreiben, das heißt natürlich nicht dass man nur selbst Erlebtes beschreiben kann. Wie du ja sagst: warum soll ein Mann nicht aus Frauenperspektive schreiben können und umgekehrt (genauso im Hinblick auf sexuelle Identität, Herkunft, soziale Situation usw.)? Das würde ja den reaktionären Standpunkt bedeuten (ich erinnere an die identitäre Bewegung oder biologistische Gendervorstellungen), dass solche Merkmale Menschen unwiderruflich definieren und unterscheiden und das allgemein Menschliche bzw individuell Persönliche völlig überlagern. Deswegen habe ich auch ein großes Problem mit der Vorstellung, nur wer einer bestimmten Gruppe angehört, sei legitimiert, über diese zu reden bzw aus deren Perspektive zu schreiben. Was definiert denn, was genau eine Gruppe ausmacht, nur äußere Merkmale? Gibt es keine inneren, subjektiven, individuellen, psychologischen Zuordnungsmöglichkeiten („Wahlverwandtschaften“, Erlebnismuster)? Zur appropriation wird es dann, wenn jemand behauptet, fremdes Erleben besser zu kennen und zu verstehen als der, der es tatsächlich erlebt hat, diesen nicht zu Wort kommen lässt und quasi von oben herab kolonialisiert.

      4. wanderwolf

        Ich finde aber, was Matthias in seine letzte Zeilen schreibt, passt… nur ich würde das nicht appropriation nennen. Appropriation is schon was anderes, aber was danach beschrieben wird, wird oft gemacht. Misrepresentation würde ich das nennen (s. G.C. Spivak) und es ist ein Problem.

  2. Pingback: [Kulturgeschwätz] Wir sollten über diversity und cultural appropriation in der deutschsprachigen Literatur nachdenken. – #Literatur

  3. kuyaa

    Natürlich braucht man cultural diversifity und so, ich denke aber die deutsche Literatur ist diesbezüglich nicht auf einem schlechten Stand. In vielen anderen europäischen Ländern gibt es sowas wie internationale Buchmessen nicht, auch sowas wie Poesiefestivals und andere Literaturfestivals bemühen sich immer um eine Repräsentation von fremdsprachiger Literatur und wir haben eine funktionierende Infrastruktur für Übersetzer in den Verlagen, das heißt die (sogar leibliche!) Präsenz von arabischer / türkischer / persischer Literatur ist durchaus gegeben.
    Klar geht es immer noch mehr, aber ich denke wir sind in Deutschland auf einem ziemlich guten Stand, da hat man es in anderen europäischen Ländern deutlich schwerer. Beim Buchpreis finde ich, ist das Problem, dass er sich noch in der Selbstfindungsphase befindet. ‚Das beste Buch‘ kann natürlich das Buch sein, was am meisten für kulturelle Gerechtigkeit tut, nur würde ein solcher Preis wieder die Literaturszene von außen lenken.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Ich habe ja recht deutlich geschrieben: Ich will nicht sagen, diversity sei das Qualitätskriterium schlechthin, folglich wollte ich auch nicht sagen, dass der Deutsche Buchpreis für das Buch, das am meisten für diversity tut vergeben werden soll. Und mir ging es nicht darum, dass türkische Verlage auch einen Stand auf der Buchmesse bekommen, sondern darum, dass türkischstämmige Figuren auch einen Platz in Büchern bekommen. Vermutlich habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, tut mir leid.

      Antwort
      1. kuyaa

        Nee, ich hab da einfach eine andere meinung zu. Bzgl des Buchpreises ist es eine Kritik an ihm anstatt eine an deinem Text. Natürlich fragt man sich im Nachhinein was denn die kriterien waren und so lange die nicht offen gelegt werden, kann man wohl den wichtigsten preis der branche nicht nachvollziehen – also auch nicht ob so etwas wie diversity ein unterkriterium ist.

        zum zweiten: ich finde grade dass repräsentation fremder kulturen im öffentlichen raum schon diversifizierend genug ist. Klar haben migranten ihre eigenen ‚deutschen‘ Probleme, für die ein buch nicht schlecht wäre, aber ich finde
        man sollte auch abstrakte Sachen akzeptieren. Klar ist es toll, dass es tschick gibt, aber fiktion funktioniert mMn so, dass man eine unwirkliche Geschichte liest und persönlich aus ihr lernt. Von daher sollte man auch Tom Sawyer und Huckleberry Finn nicht vergessen, dessen geschichte zwar anders aber in vielen belangen doch ziemlich ähnlich ist. Das ist in meinen Augen eine viel größere cultural appreciation, als romanhelden zu haben, die einen migrationshintergrund besitzen

  4. Marion

    Ich musste bei deiner Frage an Binjamin Wilkomirski denken, der bei Suhrkamp vor mindestens 20 Jahren das Buch „Bruchstücke“ veröffentlicht hat und darüber berichtet hat, wie er als Kind zwei KZs überlebte und schließlich nach Kriegsende in die Schweiz adoptiert wurde. Das Buch war ein Riesenerfolg und auch andere Holocaust-Überlebende haben es als sehr authentisch und berührend empfunden, Wilkomirski hat auch Vorträge an Schulen gehalten etc. Nach ein paar Jahren wurde allerdings aufgedeckt, dass er Schweizer ist und immer war und die KZs höchstens nach dem Krieg gesehen hat.
    Das ist nun wirklich ein Sonderfall, ein ziemlich krasser noch dazu, weil dieser Mann ja nicht nur ein Buch über eine Erfahrung geschrieben hat, die nicht seine war (legitim), sondern auch so getan hat, als wäre er jemand, der dabei gewesen war (nicht okay). Die Debatte ist total hochgekocht, es wurde hinterfragt, ob er möglicherweise wirklich glaubt, das erlebt zu haben. Von einer US-amerikanischen Gesellschaft hat er dessen ungeachtet eine Auszeichnung bekommen, da er geholfen hat, das Grauen des Holocaust zu verstehen.
    Wenn man davon ausgeht, dass es nur darum geht, ob ein Text zum Verstehen von etwas beiträgt oder nicht, dann ist es ja tatsächlich unerheblich, ob er authentisch ist. Wenn jemand das Grauen des Holocaust so gut schildern kann, dass es selbst jemand nicht merkt, der Oper desselben war, wenn er mit diesen unfassbaren Schilderungen Menschen aufrüttelt und damit dazu beiträgt, das so etwas nie wieder passiert, ist das dann legitim? Das hängt sicher davon ab, wie man Autorenschaft bewertet.
    Generell ist natürlich leichter, über jemanden zu schreiben, der einem kulturell nahesteht. Wenn ich einen Roman über mich schriebe (oder quasi mich) und ich hätte in diesem Roman eine türkischstämmige Kollegin, dann wäre die Differenz ja eine kleine. Sie hätte das gleiche gelernt wie ich, würde in der gleichen Stadt leben wie ich und hätte vermutlich einen Großteil ihrer Ausbildung an deutschen Schulen absolviert. Wenn sie auch noch so alt wäre wie ich, hätte sie möglicherweise andere Serien gesehen als ich, weil bei ihren Eltern vielleicht türkisches Fernsehen gelaufen wäre, aber Center Shock hätte sie auch gegessen (zumindest ein mal, man lernt ja).
    Die Differenz wächst mit Entfernung, in jedem Aspekt. Wenn nun eine etablierte Autorin die Chance hätte, die Geschichte derer zu erzählen, die es nicht selbst tun können, weil ihnen keiner zuhört, dann kann sie das natürlich tun. Allerdings wird das im Roman schnell ekelhafter Kitsch weil es eben nahezu unmöglich ist, sich tatsächlich in eine Person zu versetzen, die in einer völlig anderne Welt lebt. Als Reportage kann sowas funktionieren oder auch als reportagenhaft angelegter Roman, wie z.B. Jennifer Clement oder Katherine Boo das gemacht haben. Die kennen sich sehr gut aus mit dem, worüber sie schreiben, tun aber nicht so, als hätten sie wirklich einen anderen als den externen Blick. Klar kann ich über ein Slum in Indien schreiben und ich kann da auch ein paar Monate leben. Aber wenn ich keinen Bock mehr hab, flieg ich halt wieder nach Hause, wenn ich krank werde kauf ich von meinem europäischen Geld einen guten Arzt. Das kann niemals das gleiche sein. Ich werde niemals wissen, wie es ist, wirklich, wirklich in einem Slum zu leben.
    Meiner Meinung nach können weiße Männer über nigerianische Frauen schreiben, sie müssen halt aufpassen, was sie tun. Den Rest sollte man dem Writing Back überlassen.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Ich denke, die Literatur über den Holocaust passt hier deswegen nicht als Vergleichsaspekt, weil es hier sehr wohl Autoren jüdischer Herkunft gab, die darüber schreiben konnten und damit auch wahrgenommen wurden. Und es geht ja gerade darum, dass es nicht in Ordnung ist, nur über Leute zu schreiben, die selbst nicht an dem Diskurs über sie teilnehmen können.
      Zum anderen: Es geht bei Diversity nicht darum, Bücher über andere Länder und Kulturen zu schreiben, sondern die tatsächlich gegebene kulturelle Vielfalt hier in Deutschland eben auch in der deutschsprachigen Literatur abzubilden. Ich hatte in meinem Leben tatsächlich nie einen Job, in dem ich nicht zumindest einen homosexuellen Kollegen gehabt hätte. Den Figuren in den Büchern, die ich so lese, geht es nie so.

      Antwort
      1. Marion

        Es ging mir bei dieser Wilkomirski-Geschichte auch primär um den Faktor der Authentizität, der ja in der Diskussion auch schon angeklungen ist, nicht um die unbedingte Vergleichbarkeit der Situationen, das sind sie natürlich nicht.
        In meinen weiteren Anmerkungen ging es auch weniger um diversity als um cultural appropriation bzw. um das Schreiben über andere. Das sind ja erstmal grundlegend verschiedene.
        Ich hatte mehrere Jobs, bei denen absolut niemand im Kollegium homosexuell war und es war noch nie jemand mit einer Behinderung dabei. Außerdem ist die Quote von KollegInnen nicht-deutscher Herkunft sehr gering bis nicht vorhanden. Würde ich bei einem Roman über mein Berufsleben auf diversity achten, müsste ich Leute dazu erfinden.

  5. Matthias Fiedler

    Um mir ein wenig selbst zu widersprechen: Vermutlich bildet Literatur ja doch nur die Gesellschaft ab, und die Wahrnehmung von Diversität als selbstverständlich und normal ist in Deutschland generell vielleicht einfach noch nicht so weit wie in manchen anderen Ländern. Das ist eher ein Problem der Realität als ihrer literarischen Verarbeitung.
    Abgesehen davon gibt es In meinem Umfeld etwa keine Rollstuhlfahrer, eine verschwindend geringe Anzahl Menschen dunklerer Hautfarbe und die Situation der Menschen, die nicht-deutscher Abstammung oder schwul sind, und die ich kenne, empfinde ich jedenfalls als nicht so wahnsinnig anders und „divers“ (als dass sie speziell thematisiert werden müsste).
    Und ich glaube auch, das Umfeld vieler Autoren ist nicht so divers wie kulturgeschwätz suggeriert, da gibt es ja auch wie überall die Tendenz zum (unbewussten?) milieumäßigen Clanning und Cocooning, böse Absicht steckt da kaum dahinter. Was ja nicht heißt, dass man als Autor nicht mit geöffneten Augen durch die Welt gehen sollte.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Wer hat denn behauptet, irgendwas wäre „böse Absicht“? Ich ja wohl nicht. Und natürlich ist es eine andere Lebenssituation, wenn du schwul bist und permanent „schwul“ als Schimpfwort hörst. Und natürlich ist es eine andere Lebenssituation, wenn du einen türkischen Nachnamen hast und deswegen zum Vorstellungsgespräch gar nicht erst eingeladen wirst. Um nur mal zwei Punkte aus vielen zu benennen.

      Antwort
  6. Matthias Fiedler

    Und auch wenn ich mich jetzt auf mein schlechtes literarisches und allgemeines Namensgedächtnis berufen muss: ja, ich habe deutschsprachige Romane und Krimis gelesen, in denen Schwule, Lesben, Kranke, Behinderte, Migrationshíntergründler, Alleinerziehende, Dunkelhäutige als Handlungsträger vorkamen. Fairerweise muss ich aber dazu noch sagen, dass der eine oder andere (sicher nicht alle) davon vielleicht gar nicht deutschsprachig, sondern übersetzt war, als Leser und nicht Literaturwisschenschaftler (oder -kritiker), achte ich da nämlich nicht sehr drauf, schon gar nicht im Rückblick.

    Antwort
  7. Matthias Fiedler

    Zur cultural appropriation: Ich glaube schon, dass ich den Guardian-Text – im Rahmen meiner bescheidenen Englisch-Kenntnisse – verstanden habe. Wie gesagt: ich halte das für ein gesellschaftliches und (kultur)politisches Thema, wer zu Wort kommt, nicht für ein literarisches, das den einzelnen Autor einschränken sollte (sofern er in der Lage ist einen guten Text zu schreiben). Arroganz und Beifall heischende, Ungerechtigkeiten niederzwinkernde Selbstgerechtigkeit, die ja der Anlass für den Text waren, machen sich zweifellos niemals gut.
    Zur diversity: Völlig klar und unbestritten, was du über erfahrene Ungerechtigkeiten bei Menschen mit anderer sexueller Orientierung oder Trägern eines türkischen Nachnamen schreibst. Diejenigen, die ich kenne, haben aber einen guten Job und leben weitgehend unbehelligt und selbstbestimmt (ich behaupte nicht, dass das die empirisch größere Wirklicheit ist).
    Wenn wir aber schon sozialpolitisch argumentieren: Möglicherweise ist die Affirmation gewünschter Umstände als selbstverständlich ja effektiver als die negative Kritik des Unerwünschten, zumindest kann sich beides gut ergänzen.

    Antwort
  8. Wortlichter

    Ich denke die Ursache des Problemes, liegt bereits in der Gesellschaft. Mich verwundert es immer wieder, wie viele Stimmen erklingen, die sagen, dass sie noch nie einen homosexuellen Menschen, türkischen Mitbürger oder eine nigerianische Frau in ihrem Umfeld hatten. Tatsächlich haben die meisten Deutschen keine dieser Leute in ihrem Umfeld, da sie auch nicht den Versuch dazu unternehmen. Es wäre ja etwas einfaches, einfach mal Hallo zu sagen und einen Kulturverein oder Ähnliches aufzusuchen.
    Millionen von Migranten in Deutschland, aber die meisten Deutschen haben nie mit einem gesprochen. Verwundert mich gar nicht. Ich komm vom Dorf. Das war bei uns genau so. Als ich zum Islam konvertierte, wollte niemand mehr etwas mit mir zu tun haben. Ich habe alle Freundschaften aufgeben müssen, weil ich mir nur noch Anschuldigungen und Hassparolen anhören musste. Das hat die Leute ziemlich überfordert, weil es die Grenze von Wir und Anderen gesprengt hat. Plötzlich war eine von Ihnen, eine von den Anderen. Ich werde in meiner Heimat nie wieder heimisch sein und bin froh Deutschland verlassen zu haben.
    Die Literatur bildet die Gesellschaft ab. Und die ist leider absolut unaufgeschlossen in den größten Teilen. Ich begrüße allerdings alle Ausnahmen, die es zum Glück auch gibt 🙂 Allerdings sind es leider die Ausnahmen und nicht die Regel. Die Deutschen wollen halt lieber deutsche Stimmen hören und keine anderen Stimmen.

    Liebe Grüße, Anja

    Antwort
  9. wanderwolf

    (Ich werde ab und zu ins englische springen müssen, weil es meine stärkere Sprache ist).
    Dies ist ein sehr interessantes Commentary von Yassmin Abdel. Es ist kein ausführliches Artikel und präsentiert eine Reaktion und Reflexion. Sie bringt Themen zum Gespräch, und wir sollten darüber reden… gerade weil diversity (gibt es kein deutsche Wort?) in der Literatur sehr wichtig ist. Es sollte in den Autoren sowie Bücher selber gefunden werden. Aber dieses Kritik von wer ueber was schreiben soll und darf ist viel komplizierter als Abdel es darstellt. Ich verstehe Ihr Wut auf eine Welt die denkt, es ist okay über das Leben von marginalized Figuren zu schreiben und davon zu profitieren. Aber auch sie sagt, es gibt fälle wenn es okay ist. „It’s not always okay…“ also wann ist es okay? Ist es okay, zum Beispiel, wenn Dave Eggers für Valentino Achak Deng (ein Sudanesischer Flüchtling) seine Geschichte schreibt und Deng die Profite für seine Charity groups verwenden darf? Ist es okay wenn eine Türkischstämmiger Journalisten die Sozialarbeit geleistet hat (Güner Yasemin Balci) über Street Gangs schreibt und vielleicht „awareness“ aufbringt aber nichts an diese Situation ändert? Sondern die Vorstellungen von viele Deutschen über gewalttätige Migranten die nur das System benutzen bestätigen?
    Literaturwissenschaft und Kritik leben von diese Fragen „was ist okay und wann?“
    Fakt ist: die Welt ist diverse und die Literatur sollte es repräsentieren. Fakt ist: mehr Leute die als Minoritäten gesehen werden können müssen zur Wort kommen können. Kein Fakt ist: das nur Leute aus diese Gruppen darüber schreiben dürfen. Aber Fakt ist: Stimmen von Anderen sollten nicht diese Stimmen ersetzen.
    As for cultural appropriation, I propose the term cultural appreciation and advise that we strive for the latter. Ich finde es auch falsch, Traditionen, Essen, Feiern von andere Kulturen zu nehmen ohne die Leute von dem es kam zu respektieren, oder die Herkünfte zu bedenken. Also, es wäre nicht okay für Halloween ein Sombrero und traditionellem Outfit von indigenous Mexicans zu tragen. Aber nehmen wir das Beispiel von Shriver. It was a „Mexican themed party.“ Ich nehme an, es wurden Bohnen mit Pisas etc. gegessen und Musik aus Mexiko gehört und das ein oder mehrere Gästen und Gastgeber Mexikanisch waren. Vielleicht würden die Sombreros zur Verfügung gestellt vom Gastgeber… weil wer hat die eigentlich nur so rumliegen? Vielleicht hat man keine Zeit oder Lust auf diese Party über die Schicksale der Leute während des letztens Regierungsumschwung zu reden, oder die Herkunft der Sombrero, aber man ist bewusst von eine andere Kultur umgeben, und es wird kulturell mitgeteilt. Ich würde es als falsch empfinden wenn keine der Gastgeber Mexikaner wären, weil es einen waren Austausch fehlen wurde, und ich glaube das ist genau das was Shriver beschreibt worauf Abdel reagiert. Wenn ein weißer Mann über ein Indonesier schreibt ohne je dort zu sein… dann ist es falsch. Aber sagen wir, der Autor bringt jemand der die Sprache von diesem Insel kennt, und er kommt ins Gespräch mit mehrere von die Bewohner, und er fragt sie, ob er über sie schreiben darf. Er veröffentlicht auf Englisch, und wenn es zur Erfolg wird, unterstützt das es auch in so viele Süd-ost Pazifik sprachen übersetzt wird wie Möglich.
    Ich glaube, by this definition, man kann auch Behind the Beautiful Forevers unterstützen, denn wenn man erstmal materialism out of the equation nimmt (Muss Man Aber Unbedingt Wieder Reinsetzten!!), das Buch informiert eine Englischsprachige Welt über ein Einblick von Indische Slums. Authentizität muss in Frage stehen bleiben, sowie „wer profitiert hiervon?“ Aber erstmal ist es auch gut und wichtig, das diese Welten nicht „invisible bleiben.“ Wer darüber schreiben kann sollte darüber schreiben, aber vielleicht nur wenn er schon versucht hat die Tür aufzumachen für die worum es geht, und auch vielleicht nur um die Tür auf zu halten. aber nie, um denen zu ersetzen oder ihre Identität zu respektieren, und immer mit Kenntnis, dass er/sie, der/die Autor/in eine limitierte Perspektive haben.

    Antwort
    1. wanderwolf

      Edited to add: ich kenne mich nicht gut mit Mexikanisches Essen aus… ich meinte wahrscheinlich Tamales und Guacamole. Was ich beschrieben habe was Quatsch. Ich hätte erst nachgucken sollen.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s