Tomer Gardi – Broken German

Gardi Broken GermanDer meiner Meinung nach peinlichste Literaturkritik-Moment dieses Jahr war die Jury-Diskussion beim Bachmannpreis zu Tomer Gardis Text. Während einzelne, vor allem Hubert Winkels, versuchten, über den Text zu reden, ging es mit anderen, allen voran Meike Feßmann, ja durch, und man redete eben nicht über den Text, sondern über die Frage, ob ein Text, der voller grammatikalischer, syntaktischer und orthographischer „Fehler“ sei, überhaupt etwas beim Bachmannpreis verloren habe. Nun ist es ja nicht nur so, als ob man sich die Anforderungen an die Texte des Preises vielleicht vorher hätte überlegen sollen, nicht erst während einer Jurydiskussion. Das eigentlich Unerträgliche an dieser Sache war nicht nur, dass man den Autor, der daneben saß und mehrfach sagte, dass er durchaus verstehe, was gesagt werde, völlig abkanzelte, indem man ihm Sprachfähigkeit absprach, die er ja hat, sondern dass man ihm darüber hinaus vor allem die sprachliche Gestaltungsfähigkeit und noch dazu ein Gehirn absprach. Wer meint, Gardi wüsste nicht um seine sprachlichen Fehler, er würde diese eben nicht bewusst als sprachliches Gestaltungsmittel verwenden, sondern er könnte es einfach nicht besser und wäre zudem zu dumm, auf die Idee zu kommen, dass er seinen Text von einem Muttersprachler korrigieren lassen könnte, wenn er die Fehler nicht im Text haben wollte, ist in einer Art und Weise dem Autor gegenüber herablassend, dass dem Zuschauer nur die Fremdscham bleibt. Natürlich ist Gardi nicht so dumm, dass er sich denkt: „Ah, ich mache Fehler, aber scheiß drauf, ist ja nur ein Literaturwettbewerb.“ Wer ihn für so dumm hält, muss schon eine Menge Dünkel in sich tragen: Wenn jemand beim Bachmannpreis einen fehlerhaften Text vorliest, ist das doch kein „Versehen“, weil der Text mal in fünf Minuten hingeschmiert wurde, sondern dann ist das gewollt und dann muss man das eben auch erst Mal ernst nehmen. Wer meint, nur grammatikalisch, syntaktisch und orthographisch korrektes Deutsch habe einen ästhetischen Wert, muss nicht nur eine Menge Dünkel in sich tragen, sondern muss auch einige deutsche Autoren nicht gelesen haben (Kleist zum Beispiel macht ständig syntaktische „Fehler“). Und wer Gardi nicht für so dumm hält, muss sich eben auch auf seine Sprache als künstlerisches Gestaltungsmittel einlassen und schauen, ob das funktioniert.

Vor einigen Wochen ist jedenfalls der Roman, der zu dem beim Bachmannpreis gelesenen Text gehört, erschienen. Funktioniert also Gardis Roman, funktioniert seine Sprache? Beide funktionieren fantastisch. „Broken German“ ist trotz des Titels nicht nur ein Roman über Sprache, sondern eher umfassender: Ein Roman über Irritation. Sprachliche Irritation, erzählerische Irritation und die irritierende Verwirrung von Identitäten.

Schreiben, Literaturbetrieb und Fiktion

So hat dieser Roman nicht eine durchgehende Handlung, er besteht eher aus einzelnen durch Figuren, manchmal auch nur durch Orte oder Gegenstände miteinander verbundenen Erzählungen. Dabei wechseln nicht nur die Erzähler, Erzählchronologie und die Erzählperspektiven, der Erzähler bricht auch immer wieder mit seinem Erzählen und erzählt über das Erzählen selbst, so zum Beispiel wenn er sein Vorgehen erklärt:

„Wie es aber oft in geschichten ist, ein Messer der im ersten Akt an Wand hängt, dann verschwindet, wird im dritten Akt wieder irgendwo auftauchen. Ein literarische trick und regel. Der Author steckt im Geschichte eine kleine, alltägliche, unauffälige detail. Im ersten Blick können es nur die klugste, die aufmerksamste, die meist gebildene und erfahrene Lesern entdeken. Die anderen, die ja die fast absolute Mehrheit sind, geht es völlig vorbei.“ (S. 7f.)

Diese Brüche irritieren den Leser, bringen ihn zum Nachdenken – „Broken German“ verlangt dem Leser insofern mehr ab als ein einfach auf einen Plot ausgerichteter, hübsch geschriebener Roman. Gardi zwingt seinen Leser, indem er ihn irritiert, mitzudenken. Und in dem obigen Zitat wird auch ein weiteres Moment des Romans deutlich: Es ist eben auch ein Roman, der sich gegen das etablierte Bildungsbürgertum wendet, der seine Privilegien und seine Ausgrenzungsmechanismen aufdeckt und stört. Indem ein erzählerischer Trick offen gelegt wird, so dass jeder ihm folgen kann. Indem eine Sprache verwendet wird, die nicht die Sprache der Bildungsbürger ist. Und in diesem Zusammenhang ist auch die gewählte Form des Erzählens – es gibt eben keine große durchgängige Handlung, sondern eher kürzere Handlungsstränge – zu verorten, denn der Erzähler reagiert auf die Bemerkung eines Lektors, dass die Kurzgeschichte aussterbe, mit:

„Das macht doch kein Sinn. Unsere Welt wird ja immer schneller. Hektisch. Kurzfristig. Kompakt. Der scheiss Roman soll ausrotten! Schrie ich, gehetzt, während der Kurzgeschichte gedeiht! Langweilt sich selbst schon, seit Jahren, der Roman! Der Lektor murmelte etwas, Literatur, die Klassenunterschiede, der bürgerliche Ausbruch, Freiezetkultur, das World Wide Web, des Fernseher, das Proletariat.“ (S. 79)

Der Roman ist sprachlich wie erzählerisch eine Kritik am Bildungsbürgertum und an seiner Art, mit Literatur und Schriftstellern umzugehen: So wird der Erzähler, als er in einer Akademie einen Vortrag halten soll, zum Äffchen, das vor dem Publikum herumspringen soll, und er erzählt von einem literarischen Skandal, bei dem ein erfolgloser Autor seine Bücher mit den geklauten Aufklebern eines Weinpreises beklebt hat, was zu positiven Kritiken und ordentlichen Verkaufszahlen führt – einfach nur deswegen, weil ein Aufkleber auf den Büchern ist, auf dem das Wort „Preis“ steht.

Nicht nur diese Brüche im Erzählen und diese Kritik am Literaturbetrieb sind aber wohl gerade für den bildungsbürgerlichen Leser irritierend. Verwirrend ist auch, wie in der Erzählung immer wieder vom Erzähler oder seinen Figuren Erfundenes, also Fiktion, zur fiktiven Realität wird: Fiktion und Realität wirken ineinander, verschwimmen und lassen sich nicht mehr trennen. Lügt eine Figur in der Geschichte, so wirkt sich die Lüge auf die erzählte Realität aus und wird so Realität. Insofern ist „Broken German“ auch ein Buch, dass die Frage nach der Unterscheidbarkeit von Wahrheit und Erfindung aufwirft.

Identität und Verwirrung

So wie diese Grenze verschwimmen auch die Grenzen zwischen den Figuren in dem Roman: Einerseits gibt es eine Figur, die Radili heißt, andererseits gibt sich der Erzähler immer wieder als dieser Radili aus, dann sagt er wieder, er sei nicht Radili – die Identitäten von Erzähler und Figur fließen ineinander. Und zu allem Überfluss kommt auch noch ein Tomer Gardi im Buch vor (vgl. S. 30). Aber auch auf andere Art verschwimmen die Identitäten von Figuren in diesem Roman bis zur Ununterscheidbarkeit: So kann der Erzähler nur aufgrund der Ortsangabe zu dem Schluss kommen, dass auf einem Foto von einem Inhaftierten in einem KZ nicht sein Großvater, sondern ein anderer Mann zu sehen ist – die Männer sehen, zum Skelett heruntergehungert, alle gleich aus. An den Orten, an denen einst Juden, eine diskriminierte Minderheit, lebten, leben jetzt andere Menschen, die Minderheiten angehören.

Am offensichtlichsten wird die Identitätsverwirrung, wenn der Erzähler und seine Mutter am Flughafen, da ihr Gepäck verloren gegangen ist, einfach fremde Koffer von fremden Leuten nehmen und ihre Kleidung tragen – bis zum Romanende. Hier nehmen beide Figuren nicht nur ein Stück weit die Identitäten von anderen Figuren, sondern auch von anderen Geschlechtern an: Der Erzähler trägt nun die Kleidung einer Frau, auf die er später auch trifft und mit der sich sein Schicksal verwirrt, da er für etwas beschuldigt wird, was auch sie vermutlich nicht getan hat – die Schicksalsgemeinschaft der falsch Verdächtigten – und die Mutter trägt die Kleidung eines Mannes. Die eigentlichen Kofferbesitzer sind wie der Erzähler und seine Mutter selbst Migranten – die Identitäten vertauschen sich in einem interkontinentalen Migrationswirrwarr. Allerdings ohne dass das irgendwie schmerzlich wäre oder zum eigenen Identitätsverlust führt, es ist eher so, als hätte der Erzähler seine Identität mit einer weiteren Identität verbunden. Identität scheint hier nichts festes, sondern etwas wandelbares zu sein, das stets im Fluss ist.

Zu diesen Identitätsverwirrungen in einem anderen Land gehört es auch, dass Namen sich verändern: So heißt „Fikret“ eben mal „Fikret“ und mal „Fikert“ (vgl. S. 129f.).

Die Deutschen und die Juden

Zu dem Austausch von Identitäten gehört auch, dass die Arbeitslosigkeit des Erzählers reflektiert wird im Zusammenhang mit dem „Arbeit macht frei“-Schriftzug, der aus der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gestohlen wurde. Der Erzähler schlägt vor, in der nun neu „gesicherten“ Gedenkstätte Arbeitsmigranten arbeiten zu lassen:

„Regierung hat fast 100,000 Euro für Instillation Moderne Überwachungssystem im KZ zur verfügung gestellt. Kameras, Wires, Computers und Monitors, neue Strom in alte Zäune. Nach 60 Jahren Auschwitz wieder sicher. Gesichert. Viel Arbeit ist es auch. Kostet viel Geld. Instillation und alles. Können 1 Euro Jobers tuhn lassen. Arbeitsmigranten. Asylbewerber. Harz IV Empfänger. Konnte ich auch mit machen. Brauch ja Job jetzt. Doch praktisch. Dauert auch eine weile, so eine Projekt. Könnten ja uns alle dort auch in die leere Baraken ubernachten lassen.“ (S. 32)

Auf den Zusammenhang zwischen Konzentrationslagern und Asylbewerberheimen als sozialdemokratische Form desselben hat meines Wissens Leo Fischer einmal hingewiesen (den Artikel finde ich leider nicht mehr, wäre für den Link dankbar!), dass es zudem handfeste Pläne gab, Asylbewerber genau so wie hier beschrieben unterzubringen, findet jeder ganz leicht über Google selbst (Beispiele: hier und hier). Die Identität einer Minderheit verschwimmt mit der einer anderen, chronologisch späteren.

Überhaupt stellt der Roman auch die Frage nach dem heutigen Verhältnis von Juden und Deutschen zueinander: Nicht nur, wenn der Erzähler fragt, ob ein Jude im Jüdischen Museum Teil der Ausstellung ist, sondern auch dann, wenn sich das Publikum der Akademie in einen wütenden, den Erzähler bzw. Vortragenden angreifenden und verfolgenden Mob verwandelt, weil dieser von einer jüdischen Investmentfirma erzählt – einfach nur erzählt, als Teil einer größeren Erzählung – und ihm deshalb Antisemitismus vorgeworfen wird. Insbesondere aber auch dort, wo der Erzähler, der ein Medaillon mit Mose darauf um den Hals trägt, nach seiner Religion gefragt wird und ihm in diesem Zusammenhang jede mögliche Religion vorgeschlagen wird, nur nicht das Judentum:

„Erstaunlich war das. Faszinierend. Als ob der Endlösung seine totaler Erfolg erreicht hatte. Wie sagt man auf Deutsch. Etwas so tief verdrängt. So total abwesend. So total nicht da und deswegen auch so stark präsent.“ (S. 119)

Als der Erzähler dann sagt, dass der Jude sei – „Das Wort. Der nur auf Deutsch so klingelt. Auf keine andere Sprache klingt das so.“ (S. 120) – erschreckt sein Gegenüber. Tomer Gardi schafft es mit diesen kleinen, quasi nebenbei eingestreuten Bemerkungen die Frage nach dem heutigen Antisemitismus schmerzhafter aufzuwerfen als Mirna Funk, die sich in „Winternähe“ einen ganzen Roman lang damit abmüht.

Auf dem Medaillon, das der Erzähler um den Hals trägt, ist übrigens Mose wie so oft mit Hörnern dargestellt, was – wie der Erzähler auch erklärt – auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen ist: Bei der Übersetzung des Alten Testaments ins Lateinische für die Vulgata-Bibel wurde das entsprechende hebräische Verb mit dem lateinischen „cornuta“ (gehörnt) statt mit „coronata“ (strahlend) übersetzt. Seither wird Mose häufig mit Hörnern dargestellt – Grund dafür ist die Migration einer Religion und, wenn man so will, Broken Latin. Während dieser sprachliche Fehler aber kanonisiert wurde und einfach zum Kulturgut wurde, will der ein oder andere Bachmannpreis-Juror „Broken German“ gerne absprechen, zur Kultur zu gehören.

Sprache und Migration

Dabei gehören beide zur Kultur: Der Roman und seine Sprache. Und Sprache ist für den Roman ganz zentral, auch wenn sich der Erzähler dagegen vorgeblich wehrt:

„Geschichten sind aus Sprache gemacht. Gut. Muss aber Sprache das Thema jeder Geschichten sein? Muss Sprache das Thema jeder meine Geschichte sein? Bin ich wegen meine Sprache für immer verurteilt Sprache als Schwerpunkt mein Prosa zu haben?“ (S. 15)

Ja, wenn das Buch schon so heißt und die Sprache dann so offensichtlich eine ganz eigene Kunstsprache ist, dann wird der Erzähler wohl damit leben müssen, dass die Sprache in Zentrum der Irritationen und damit des Nachdenkens steht. Und zum Nachdenken über Sprache regt der Erzähler auch permanent an: Fast auf jeder Seite fragt er sich bzw. den Leser „Wie sagt man auf Deutsch“, wodurch der Leser eben darüber nachdenkt, wie man eigentlich auf Deutsch dazu sagen könnte. Der Roman ist eine Reflexion über das Auswandern in eine andere Sprache, und der Erzähler vergleicht mit gutem Grund die Fremdsprache mit einem Hotel, in dem man in den vielen, an ungewohnten Stellen angebrachten Spiegeln unbekannte Reflexionen von sich selbst entdecken kann: In einer Fremdsprache entdeckt man anderes an sich selbst. Und indem Gardi bzw. sein Erzähler Sprache so verwenden, wie sie es tun, entdeckt auch der Leser neue Seiten an der deutschen Sprache.

Der Erzähler bezeichnet sich selbst als einen Fremdarbeiter in der Prosa einer fremden Sprache, er gibt ganz offen zu, die Sprachregeln entweder nicht zu kennen oder nicht zu akzeptieren und er beklagt (übrigens in einer sehr schönen Passage!) die begrenzte Ausdrucksfähigkeit der Sprache, die nicht in der Lage ist, große Schönheit zu beschreiben. Nun könnte der ein oder andere Skeptiker natürlich einwerfen: Kein Wunder, dass er sich nur begrenzt ausdrücken kann, mit seiner begrenzten, falschen Sprache. Aber das wäre eben viel zu kurz gedacht und ignorant: Gardis Sprache hat einen eigenen Rhythmus, eine eigene Melodie, und das weiß er auch:

„Die Wörter. Die Sprache. Durch die Jahren der Ton. Das Gedicht hat keinen Grund. Aber ein Untergrund schon.“ (S. 94)

Gardis Sprache ist ästhetisch und sie ist bewusstes Gestaltungsmittel. Wie präzise er Sprache verfremdet einsetzt und neu beleuchtet, wird deutlich, wenn er darauf hinweist, dass das deutsche Wort „Entschuldigung“ immer mit „Schuld“ verbunden bleibt, weil es sie enthält, oder in den nahezu lyrischen Passagen des Romans wie:

„Und ich werf es dir vor Kind. Ich werf es dir nach. Babylonische Licht, babylonische Schatten. Stimmt das auf Deutsch Schatten kein Plural hat?

Ich werf keinen Schatt.“ (S. 93)

Während in der deutschen Sprachwissenschaft bereits zumindest als These angekommen ist, dass es eben nicht nur Hochdeutsch und altbekannte regionale Dialekte gibt, sondern eben auch Kiezdeutsch, einen durch Migration mitgeprägten Dialekt, der eine eigene und nicht einfach nur eine defizitäre Grammatik hat, tut sich der Literaturbetrieb wohl – obwohl Gardi ja nicht als erster eine solche Kunstsprache nutzt – schwer mit einem „fehlerhaften“ Deutsch. Wer einmal einen Moment den borniert-korrigierenden Blick auf Kiezdeutsch ablegt, hört, dass das eine Sprache mit einer ganz anderen Rhythmik, Dynamik und Ausdruckskraft ist, die von Deutschen wohl eher als aggressiver wahrgenommen wird, die man aber auch einfach als schneller, lebendiger bezeichnen könnte. Kiezdeutsch ist die Reaktion auf Migration, Sprache ist lebendig und verändert sich, um sich neuen Gegebenheiten anzupassen, wenn man sie konservieren will, bekommt man etwas, das ist wie Latein: Sehr systematisch, sehr ordentlich und sehr tot.

Und genauso hat die Sprache Gardis eine eigene Rhythmik, eine eigene Dynamik, Ästhetik und Lebendigkeit: Alles, was konserviert wird, was aufgenommen wird und in seiner momentanen Verfassung festgehalten wird, verändert sich nicht mehr und lebt nicht mehr.

„Nicht mit ein Sense. Mit ein Aufnahmegerät kommt er her. Mit ein Aufnahmegerät kommt der Sensemann, sagt meine Mutter und lacht.“ (S. 91)

Im Erzählen selbst steckt das Leben, lässt den Zuhörer am Leben teilhaben – so zum Beispiel, wenn eine Frau von ihren verstorbenen Brüdern erzählt, und der Erzähler eben kein aufgeschriebenes, feststehendes Gebet aus einem Buch vorlesen will, sondern lieber zuhören und so am Leben der Menschen teilhaben will. Und in der eigenen Sprache steckt das Besondere des Erzählers:

„Noch was ist dein Deutsch. Es wird immer besser. Von erste zum zweite zum dritte Kapitel wird besser. Mit jeder Kapitel zerstörst du so deine eigene Prosa. Verlierst deine gebrochene Schatz. Schreibt so weiter und bald bist du vollkommen und klagloss und ganz und kaputt.“ (S. 37)

Die Sprache von Gardi hat eben einen bestimmten Ton. Und sie ist babylonisch und lebendig. Und so steht am Ende des Romans das Bild des Call Centers als paradiesisches Babylon, in dem alle Sprachen der Welt, die dort zu hören sind, in einem lebendigen Fluss zusammenfließen. Es tut mir wirklich leid um jeden, der sich darauf nicht einlassen kann, denn „Broken German“ ist ein fantastischer (und übrigens auch witziger) Roman – und die Jurydiskussion beim Bachmannpreis hätte als Szene ohne Weiteres in den Roman gepasst.

Es ist sehr schade, dass dieser Roman so wenig besprochen wird – auch auf Blogs finde ich dazu praktisch nichts, in den großen Feuilletons habe ich nur wenig, aber wenigstens eine Besprechung von Klaus Kastberger gefunden, der Gardi ja auch zum Bachmannpreis eingeladen hatte. Wesentlich unterinteressantere, weniger experimentelle und weniger mutige Romane werden überall hoch- und runterbesprochen. Im Literarischen Quartett verwendet man lieber ein Viertel der Sendezeit auf einen Roman von Ferrante, der nicht nur überall bereits besprochen wird, sondern den eigentlich auch keiner der Teilnehmer des Quartetts mochte (lustig, dass gerade Biller den Roman anschleppte, warf er doch, als Juli Zehs „Unter Leuten“ vorgestellt wurde, Weidermann vor, dass dieses Buch, das ohnehin schon allgegenwärtig sei, jetzt noch mehr Aufmerksamkeit bekomme). Ich verstehe diese Form der Aufmerksamkeitsökonomie ja nicht. Ein Schelm, der vermutet, dass der Roman auch deswegen so wenig Aufmerksamkeit bekommt, weil er genau der Schicht gegen das Schienbein tritt, die den Literaturmarkt dominiert: Dem deutschen Bildungsbürgertum. Wie dem auch sei: Das Buch von Gardi ist mit 140 Seiten recht kurz, es ist entgegen eventuell vorhandener Vorurteile gut zu verstehen und zu lesen, sehr unterhaltsam und gar nicht dumm und sollte unbedingt auch gelesen werden.

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17 Gedanken zu „Tomer Gardi – Broken German

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Tomer Gardi – Broken German – #Literatur

  2. mbautorin

    Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich dir da zustimme. Auf jeden Fall hat mich dein Beitrag zum Nachdenken (und meinem kommenden Blog-Beitrag) angeregt. Dafür vielen Dank!

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  3. Herr Hund

    Ich habe diese Besprechung nicht gebraucht, um nun das Buch lesen zu wollen. Das wollte ich sowieso. Ich habe ihn gebraucht, um nicht vom Glauben abzufallen, geht doch, das ist eine Buchbesprechung. In einem Blog. Und sie ist lesbar. Danke.

    Antwort
  4. Scherbensammlerin

    klingt authentisch. auch seine furcht, dass mit jedem kapitel die unverfälschtheit des falschen verschwindet. fremdarbeiter in einer uneigenen sprache. ja, das hätt ich gern gesehen, wie maxim biller diesen roman freitags abends in gemütlicher runde vorstellt. aber wird er diesen blogeintrag wahrnehmen? hat jemand seine adresse?

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Ne, natürlich liest der das hier nicht. Und die Westermann hat ja mit dem letzten Roman von John Irving was ganz ähnliches gemacht: Den fand sie ja auch nicht so toll und hat ihn trotzdem da reingeschleppt. Weiß der Kuckuck, wie die ihre Bücher aussuchen….

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  5. Pingback: Sprache zwischen Befremdung und Befruchtung | Literatur-O-Meter

  6. the lost art of keeping secrets

    Eine tolle Rezension, danke dafür. Erinnert mich ein bisschen an die ersten Romane von Feridun Zaimoglu, zumindest was den kreativen Umgang mit Sprache angeht und das Aufgreifen von Kiezslang (Koppstoff, Kanaksprak). Ich habe mir den Bachmannpreis nicht gegeben, aber die Reaktionen, die du beschreibst, tun schon beim lesen fast körperlich weh. Ich möchte jetzt ganz dringend dieses Buch lesen.

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