Buchblogger und „Demokratisierung“

Seit Menschen sich im Internet über die Bücher äußern, die sie gelesen oder meinetwegen auch nur gekauft haben, gibt es auch diese Debatte, vorwiegend geführt zwischen dem etablierten Medium der sog. Literaturvermittlung, also dem Feuilleton, und den Buchbloggern. Für gewöhnlich sind die Vorwürfe des Feuilleton immer wieder ähnlich: Buchblogger haben kein Fachwissen, sie urteilen rein subjektiv, sie können kein Deutsch (im Sinne von: inkorrekter Verwendung von Interpunktion oder Fehlern bei der Orthographie oder aber fehlenden „n“s). Gerne, gerade bei Oliver Jungen, werden sexistische Klischees bemüht, wenn er durchaus in abwertendem Tonfall sinngemäß schreibt: Das sind vor allem Frauen und die lesen nur gefühligen Quatsch (so beispielsweise in dem FAZ-Artikel „Wie ensteht ein Mega-Bestseller? Heißkalte Küsse: Verlage umwerben Buchblogger mit einer „Litblog Convention“ in Köln“ vom 6.6.2016).[Nachtrag unten, Fußnote 1] Die Debatte, die geführt wird, wird natürlich von den betreffenden Journalisten, ob sie das nun offen sagen wollen oder nicht, nicht geführt, um die Kultur des Abendlandes zu retten, denn vermutlich wissen Literaturkritiker auch selbst, dass die Kultur des Abendlandes nicht sie braucht, sondern dass sie die Kultur des Abendlandes brauchen, um zu überleben. Jahrhundertelang ist die Literatur recht gut ohne professionelle Kritiker ausgekommen, es ist anzunehmen, dass auch heute gute und schlechte Texte geschrieben würden, wenn es keine Kritiker gäbe, und am Ende würde sich – wie früher auch – erst im Urteil der folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte irgendwie entscheiden, welcher Text überzeitlich relevant und ästhetisch ist und welcher nicht. In dieser Debatte geht es selbstverständlich in erster Linie um Deutungshoheit, und also um Macht. Was da ja eigentlich kommuniziert wird – und das ist auch etwas, das durch unser Schulsystem kommuniziert wird –, ist: Du darfst erst eine Meinung zu Literatur haben, wenn du das studiert hast, wenn du durch die richtigen Sprachspiele dein ja immer subjektives Urteil als objektiv ausgeben und vor allem: Wenn du dich sprachlich fehlerfrei ausdrücken kannst, und das nicht nur im Sinne von „gepflegtes, gut lesbares, verständliches Deutsch“, sondern im Sinne von „selbst der größte Erbsenzähler findet da keinen Kommafehler mehr“, wobei so getan wird, als würden Journalisten, auch großer Zeitungen wie der SZ, so ein wahnsinnig tolles Deutsch schreiben. Es geht um die Frage: Wer darf festlegen, was kulturell wichtig ist und wer nicht. Und es tut mir leid, wenn ich jetzt auf einen schon beinahe platten Topos zurückgreifen muss: Natürlich wird diese Machtposition vorwiegend von weißen Männern verteidigt, die Zahl der People of Color im Bereich der professionellen Literaturkritik in Deutschland ist verschwindend gering, natürlich gibt es einige Frauen, zumindest aber dann wenn man den Fernseher anschaltet, um Literatursendungen zu sehen, beschränkt sich die Zahl der Frauen, die da vorkommen, auf ein sehr überschaubares Grüppchen, das man an einer Hand abzählen kann, und das mitunter ja durchaus geschlechtsstereotyp ausgewählt (Frau Westermann) und von männlichen Kollegen angegriffen wird (Frau Löffler), was bei den Zuschauern ja weniger zu einem Aufschrei führt, als zu einem ins-Fäustchen-Lachen mit dem Gedanken: „Höhöhö, der traut sich was, der Reich-Ranicki/der Biller.“ Keinem von beiden schadet ja ihr Verhalten nachhaltig, obwohl sie sich mitunter hochgradig unsachlich verhalten, werden sie als sachliche Kritiker ernstgenommen. Was es für die Ernstnahme weiblicher Stimmen im Literaturbetrieb bedeutet, wenn im Literarischen Quartett in seiner derzeitigen Besetzung eine Frau nahezu systematisch vorgeführt wird, liegt ja auch auf der Hand, da wird ja auch das Gefühl vermittelt: Die Männer können sachlich über Literatur reden, die Frau kann das nicht. Versteht mich nicht falsch: Ich finde das Literarische Quartett großartig und sehr witzig, aber unproblematisch ist das eben nicht.

Natürlich ist die Buchbloggerszene empört ob der Angriffe durch den Feuilleton, sie fühlt sich missverstanden, verständlicherweise aber auch ausgegrenzt, denn genau das ist ja eigentlich auch das Ziel. Vor allem bloggende Frauen, aber natürlich auch Männer, reagieren nahezu nach Lehrbuch frauentypisch mit einem bescheiden-beleidigten: „Ich will ja auch gar kein Literaturkritiker sein“. Warum eigentlich nicht? Weil man so lange eingeredet bekommen hat, dass die eigene Stimme es nicht wert ist, gehört zu werden, dass man es jetzt glaubt? Ist „Literaturkritiker“ ein geschützter Begriff, den man erst führen darf, wenn man dafür bezahlt wird? Ich kenne schon Buchblogs von Frauen (Ergänzung: und natürlich auch von Männern), die dem Feuilleton eben inhaltlich in Nichts nachstehen. Andere, und pardon, es sind meinem Eindruck nach eher bloggende Männer, reagieren dagegen mit: „Ich finde, man sollte zwischen Buchbloggern und Literaturbloggern unterscheiden, ich will auch nicht mit diesen young-adult-lesenden Mädchen mit ihren rosa Blogs in einen Topf geworfen werden.“ Besonders drollig ist es auch, wenn Blogger Statistiken zum Leseverhalten erheben, die dann, erneut meinem Eindruck nach vor allem von Männern mit dem Hinweis darauf geteilt werden, dass ja mehr Männer als Frauen Klassiker lesen. Ein Schelm, der da nicht denkt, dass hier klassische Verhaltensmuster zur Machtverteilung aus der Gesamtgesellschaft und aus dem Feuilleton in die Bloggerszene übernommen werden. Ich bin nicht frei von diesen Mechanismen, ich weiß, dass ich einen Hang zum kulturellen Dünkel habe, versuche aber schon, mich da selbst zu hinterfragen (wobei Ausrutscher passieren), und möchte auch weiterhin versuchen, mir da in Zukunft auch an die eigene Nase zu fassen. Das bedeutet nicht, dass man alles toll finden muss, was andere machen. Esoterik und Engelchen werde ich weiterhin doof finden, nicht wegen kulturellem Dünkel, sondern weil ich eben mit Esoterik nichts anfangen kann. Auch Debatten um Qualität müssen weiterhin möglich sein. Auch die LeserInnen sog. „Unterhaltungsliteratur“ müssen mal aus ihrer „Das ist voll arrogant, dass du meinen Buchgeschmack nicht toll findest“-Ecke rauskommen, und halt einfach mal inhaltlich sagen können: Ich mag dieses und jenes Buch/Genre aus diesem und jenem Grund. Man muss diskutieren können, ohne dass eine Seite schon aus Prinzip eingeschnappt ist. Kritik, auch nicht-konstruktive Kritik, muss möglich sein. Aber eben nicht, wenn das Ziel dabei nur ist, die eigene Machtposition zu stärken, und nicht, wenn stereotype Argumentationsmuster bedient werden, deren einziger Zweck die Reproduktion von Ausgrenzung ist.

Die Bloggerszene hat aber all den Vorwürfen des Feuilletons natürlich etwas entgegenzusetzen, nämlich einen Begriff, den sie ihm wiederholt entgegenschmettert: Demokratisierung. Mich hat dieser Begriff lange verwirrt und er verwirrt mich noch, denn ich nehme die meisten Buchblogs nicht gerade als politisch wahnsinnig aktiv wahr. Aufmerken lässt es mich dann, wenn in einem heute erschienen Interview Felicitas von Lovenberg in ihrer Rolle als Verlegerin, nicht als Literaturkritikern, den Begriff „Demokratisierung“ verwendet, und zwar dann, wenn es um die Notwendigkeit neuer Wege geht, um Bücher zu verkaufen, nicht unbedingt wenn es darum geht, sie zu besprechen (hier ist die Literaturkritik dann eine Form von Buch-PR). Was meinen die also alle mit „Demokratisierung“? Grundsätzlich wohl so etwas wie: Jeder soll mitreden dürfen. Das ist richtig und wichtig und da hat sich gerade durch die Buchbloggerei einiges getan: Auch Genre-Literatur hat jetzt Plattformen, auf denen über sie diskutiert wird, Männer wie Frauen können sich gleichermaßen frei zu Literatur äußern, es gibt junge Buchblogger, es gibt alte Buchblogger, es gibt studierte Literaturwissenschaftler, es gibt Leute, die haben gar nicht studiert und äußern sich in ebenso lesenswerter Weise. Und vor lauter Freude über diese neugewonnene Vielfalt wird dann übersehen, dass zu „Demokratisierung“, denn das ist ein politischer Begriff, mehr gehören würde: Wenn ich mir die Buchblogger und Booktuber ansehe, dann sehe ich fast nur Weiße. Ich kenne viele People of Color, die viel lesen. Ich weiß von einigen, die politisch motivierte Blogs schreiben. Ich kenne kaum Buchblogger.

Der Verdacht liegt nahe, dass hier Mechanismen, die die Streiter der Hochkultur im Feuilleton vorgeben, bis in die Sphäre der Blogger fortwirken: Irgendetwas an der Art und Weise, wie über Literatur gesprochen und geschrieben wird, scheint dazu zu führen, dass sich einige nicht an diesem Gespräch beteiligen wollen. Und das finde ich sehr schade. Die amerikanische Booktuberin „mynameismarines“ hat dazu ein wie ich finde bedenkenswertes Video erstellt, von dem ich mir wünschen würde, dass es viel öfter angesehen und durchdacht worden wäre:

Wenn die Blogger es ernst meinen mit der „Demokratisierung“ und das nicht nur ein der Politik entlehnter Begriff zur Beschreibung neuer Vermarktungsstrategien sein soll, dann müssen wir doch auch über Literaturvermittlung nachdenken und darüber, wie wir Leuten, die offensichtlich beigebracht bekommen haben, dass sie sich nicht beteiligen dürfen, wenn es um deutsche Kultur geht, zeigen, dass wir ihre Stimmen gerne hören oder lesen würden.

Ich würde mir da – wie geschrieben – gerne in Zukunft auch gerne an die eigene Nase fassen. Und wenn jemand eine schlaue Idee dazu hat, wie man das anpacken kann, dann wäre ich darum sehr dankbar. Wenn es beim Bloggen um „Demokratisierung“ gehen soll, dann müsste man sich doch erst einmal überlegen, was dieser Begriff bedeutet – gesellschaftlich und politisch – und welche Ziele man damit verfolgt. Sonst ist dieser Begriff eine ziemlich leere Worthülse, die ohne inhaltliche Füllung und ohne Ziel lediglich als Blendgranate der Selbstrechtfertigung dient.

Widersprochen werden darf mir gerne in den Kommentaren, ich bin mir nämlich unsicher, ob das vielleicht ein dummer Beitrag ist oder einer, der nur Resultat meiner verzerrten Weltsicht ist. Vielleicht ist alles ganz anders.

[1] Nachtrag (4.8.’16, 21:47 Uhr) zu dem Artikel von Oliver Jungen und dem von mir ihm unterstellten Sexismus, das würde ich gerne noch mit einer Passage aus dem genannten Artikel belegen: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Um ehrlich zu sein habe ich eine dümmer-sexistische Passage noch selten in einer Zeitung wie der FAZ gelesen. Junge Frauen, so Oliver Jungen, lesen nur Müll, quatschen die ganze Zeit, schminken sich alle und wollen von Spaniern flachgelegt werden. Ich bin immer froh, wenn Männer mir erklären, wie Frauen eigentlich so sind.

Advertisements

35 Gedanken zu „Buchblogger und „Demokratisierung“

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Buchblogger und „Demokratisierung“ – #Literatur

  2. Peter Peters

    Liebe Katharina, ein toller, alles andere als „dummer Beitrag“. Vielleicht ein bisschen viel Rundumschlag: das Verhältnis von Feuilleton und Blogs zueinander, die Rolle der Frauen im Literaturkritikbetrieb, das Problem der ungeklärten literarischen Wertung in Literatur- und/oder Buchblogs, ein damit häufig einher gehendes mekrwürdig privatistisches Gebaren, in dem „Demokratisierung“ als politischer Begriff nun so gar nicht hineinpasst, der gefährliche Gebrauch solcher Begriff, die „Demokratisierung“ oder auch „Professionalisierung“ (Karla Paul) sagen, aber Kapitallisierung meinen, die Diversitätsproblematik und noch mehr. Aber solche Beiträge müssen sein. Sie zeigen, wie dick die Bretter sind, die es da zu bohren gilt. Und du hast die Bohrlöcher schon ziemlich weit getrieben. Dafür danke. Ich hoffe sehr, dass der Beitrag Impulse setzt.Es wäre notwendig und er hat es verdient.
    Ich werde Ihnen jetzt auf FB teilen.
    Viele Grüße
    Peter

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Dankeschön! Ja, es stimmt schon – ich vermische hier vieles, einiges entspringt vielleicht auch nur meiner subjektiv-verzerrten Wahrnehmung, aber vielleicht hängt ja auch einfach alles zusammen.Die Hoffnung war ja, dass darüber jetzt Klügere nachdenken, als ich es bin.;)

      Antwort
  3. Marion

    Ein sehr interessanter Post – ich denke auf dem Heimweg mal drüber nach und habe dann vielleicht was kluges zu sagen. Bis dahin nur dieses: Meinst du hier nahe- oder nachstehen? „Ich kenne schon Buchblogs von Frauen, die dem Feuilleton eben inhaltlich in nichts nahestehen“

    Antwort
      1. Marion

        So. Jetzt hab ich mir auch das Video angesehen, was tatsächlich sehr interessant ist.
        Es ist ja nicht nur ein Bauchgefühl sondern auch hinreichend mit Zahlen untermauert, dass der „Literaturbetrieb“ ziemlich weiß und männlich ist. Das sieht man an KritikerInnen, an den Nominierungen für Literaturpreise und an den Jurys, die letzlich über diese Preise entscheiden. Wäre dem nicht so, bräuchte man keine extra-Preise mehr für Frauen, PoC oder andere Personengruppen, deren Literatur und Meinung traditionell marginalisiert wurde und wird.
        Ich lese primär Buchblogs von Frauen, wahrscheinlich, weil es davon mehr gibt. Übrigens dachte ich immer, Kulturgeschwätz würde von einem Mann betrieben. Ich weiß überhaupt nicht, warum. Bei deinem Facebook-Account habe ich immer klar „Frau“ assoziiert, hier aber immer „Mann“. Da sieht man mal, wie deutlich und klar erkennbar der Unterschied ist! Allerdings fällt mir so ad hoc kein deutschsprachiger Literaturblog ein, der von einer nicht-weißen Person betrieben wird. Oder ich habe es übersehen.
        Die Demokratisierung des Literaturbetriebs besteht meiner Meinung nach nicht nur aus Blogs sondern auch aus „Mikrobewertungen“ auf Verkaufsplattformen, in erster Linie amazon, und auf Social Reading-Plattformen. Was da passiert ist nun meistens wirlich keine Literaturkritik und besteht ja oft fast nur Sternchen, aber es ist ein, wenn auch sehr knapper, Austausch. Und in diesem Austausch finden auch Formen von Literatur Beachtung, die dem Feuilleton völlig egal sind.
        Schwierig finde ich es, die „Buchblogger-Szene“ als homogene Gruppe zu betrachten. Es gibt zwischen den Blogs zu große Unterschiede, Herangehensweisen und Ansprüche. Ob man einen Blog jetzt interessant oder überflüssig findet, muss man selbst entscheiden. Es gibt auch durchaus gut gemachte Blogs, die mich nicht interessieren, weil das Thema an meinen Interessen vorbei geht. Was soll denn der „Benchmark-Blog“ sein, der als Ideal gilt? Im Zweifel wohl der eigene….
        Leseverhalten in männlich und weiblich zu unterteilen und zu postulieren, dass Frauen gerne dieses lesen und Männer gerne jenes ist genau so müßig. Frauen und Männer sind ebenso keine homogene Gruppen. Und zum Begriff „Frauenliteratur“ sage ich besser überhaupt nichts.

      2. kulturgeschwaetz Autor

        Da hast du recht, diese ganze Amazon-lovelybooks-goodreads-Geschichte blende ich wohl zu sehr aus. Und mir geht es auch gar nicht darum, alle Blogs als homogene Gruppe anzusehen, natürlich gibt es Unterschiede, aber vielleicht ist es möglich, Unterschiede zu markieren, ohne Wertigkeiten auszudrücken. Keine Ahnung, ob sowas geht. Und meinen Blog würde ich auf keinen Fall als „Benchmark-Blog“ betrachten wollen, ich schmier hier ja nur so rum. Ich weiß nicht, insgesamt habe ich aber auch nach dem, was du geschrieben hast, schon den Eindruck, dass ein bisschen mehr theoretische Reflexion den Buchbloggern schon auch gut täte. Vielleicht habe ich aber auch nur eine Vorliebe für so Gefasel.

  4. Marion

    Ich hatte gar nicht den Eindruck, dass du das tust. Also weder deinen Blog als Benchmark betrachten noch die Bloggerszene „homogenisieren“. Gar nicht. Das waren nur so allgemeine Gedanken zu dem Thema.
    Erfahrungsgemäß ist es extrem schwer, Unterschiede zu benennen, ohne dass es wertend klingt oder sich jemand angegriffen fühlt. Manchmal frage ich mich, wie das in anderen Bloggerszenen so ist. Ob Foodblogger wohl kritisieren, dass Frauen immer nur Cupcakes machen und Männer immer nur Steak? Und wie ist da der Anspruch an einen „guten“ Blog? Gibt es regelmäßig Rants von Köchen gegen diese Amateure? Oder bloggen die am Ende einfach friedlich vor sich hin und freuen sich, dass andere die gleichen Interessen haben? Ich wage kaum, mir das zu vorzustellen.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Ich weiß auch nicht, hier wäre aber tatsächlich ein Austausch mit Bloggern aus anderen Bereichen interessant. Möglich wäre es aber schon. Gerade in den Bereichen Mode/MakeUp kann ich mir vorstellen, dass es ebenfalls ein Gefälle je nach Alter, Gewicht, Optik gibt. Vielleicht ist das aber auch nicht so. Vielleicht gibt es ja jemand, der Kontakt zu Bloggern aus anderen Bereichen hat und das hier liest und uns die Frage beantwortet.

      Antwort
      1. Michelle

        Hallöchen,
        ich melde mich jetzt mal als Nichtbuchblogger und Mitleser um deine Frage zu beantworten. Ich schreibe einen Fachblog zum Marketing im Kulturbetrieb und einen Lifestyleblog über die Kunstszene.
        Da du dich fragst wie es im Mode/Lifestyle-Bereich aussieht, da gibt es tatsächlich eine große Bandbreite unterschiedlicher Blogger und Bloggerinnen, die ebensolche Diskussionen auch führen. Da geht es um den Unterschied zu den großen Hochglanzmagazinen, aber auch darum wie alt jemand ist, ob er hauptberuflich bloggt oder nicht. Und auch hier gibt es große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer, die stark in der Unterzahl sind, werden eher hofiert und gelobt.
        Ich persönliche finde allerdings dort die Diskussion am schlimmsten wie dünn oder dick man sein darf, da wird schon ordentlich gebasht von manchen Leuten. Entstanden ist das Thema allerdings daraus, dass die meisten Firmen Gratis-Kleidung nur in den Größen 34 und 36 verschicken. Das sind halt die Musterkollektionen, die auch für Werbeshootings mit Models verwendet werden. Da wird einfach nichts extra produziert für das Blog-Marketing. Das grenzt allerdings viele Normalsterbliche großartige Bloggerinnen aus und zeugt auch hier von einem sehr bestimmten Weltbild, das vermittelt wird und an das man sich gefälligst anzupassen hat. Leider gehen viele darauf ein und ordnen sich einem Ideal unter, dass ich im Allgemeinen sehr fragwürdig finde, da es nicht gerade frauenfreundlich ist.
        Ich hoffe das hat deine Frage jetzt erstmal beantwortet 🙂
        Liebe Grüße
        Michelle

      2. kulturgeschwaetz Autor

        Danke für’s Melden! Schade, das sind ja alles leider wirklich die Probleme, die man praktisch klischeehaft in diesem Bereich erwartet. Und schade, dass da ein massives Problem erst durch die Industrie dahinter geschaffen wurde. Wie schön das wäre, wenn Blogs einfach wirklich zu mehr Vielfalt führen würden, statt ohnehin schon existente Probleme im Hobbybereich zu reproduzieren.

      3. Tania Folaji

        Ich mag den Beitrag, obwohl ich ihn zweimal lesen musste; aus dem Grund vllt. weil deine Kritik sich an einen unsauber gedachten und geschriebenen Artikel abarbeitet – unter Umständen trennen: Buchblogger / Frau / people of color / LG Tania

  5. buzzaldrinsblog

    Wenn es eines gibt, an dem es Buchbloggern nicht mangelt, dann sind es selbstreferentielle Diskussionen über das eigene Schaffen und die eigenen Befindlichkeiten. Ich empfinde solche Diskussionen zumeist als ziellos: man wird keine gemeinsame Lösung für alle Blogger zusammen finden. Man sollte auch keine Kriterien oder Maßstäbe an die Tätigkeit des Buchbloggens anlegen. Ich befürchte, es kann nur jeder für sich selbst beschließen, wie er definiert was er tut.
    Am Ende des Tages überlege ich mir immer, für wen ich meinen Blog eigentlich schreibe. Ich schreibe für meine Leser, ich schreibe nicht für die Verlage, das Feuilleton oder meine Bloggerkollegen. Und meine Leser möchten von mir Buchempfehlungen und sicherlich keine um mich selbst kreisenden Bestandsaufnahmen. Ich glaube, der Gedanke daran, an wen man sich eigentlich richten möchte, sollte nicht verloren gehen.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Ich glaube, dass es mir schon ein bisschen um etwas anderes geht als um „eigene Befindlichkeiten“. Mir geht es um Machtstrukturen im Reden über Literatur, die Bevölkerungsgruppen ausschließen oder abschrecken und die sich meinem Eindruck nach bis in die Bloggerzunft ziehen, obwohl gerade die den Selbstanspruch erhebt, solche Machtstrukturen nicht zu kennen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass beispielsweise die Frage nach der Repräsentation von PoC unter Buchbloggern nun schon eben oft diskutiert worden wäre, aber vielleicht habe ich da was verpasst.

      Antwort
      1. buzzaldrinsblog

        Das war bei deinem Rundumschlag nicht ganz so differenziert herauszulesen. 😉 Ich erlebe die Bloggerzunft bisher als homogene Gruppierung, natürlich gibt es vereinzelte (männliche) Stimmen, die sich gerne im Vergleich zu anderen Bloggern abgrenzen würden – das ganze Bevölkerungsgruppen aber ausgeschlossen oder abgeschreckt werden, habe ich so bisher nicht wahrgenommen. Ich denke zum Beispiel an meinen Bruder: kein Abitur, Abschluss mit Ach und Krach und Ausbildung zum Automechaniker. Die letzte Idee, auf die er käme, wäre über Bücher zu sprechen. Nicht, weil er sich ausgeschlossen fühlt, sondern weil es einfach nicht seinen Interessen entspricht. Das Interesse an Literatur ist bei ihm möglicherweise schon viel früher verloren gegangen.
        Mir ist – glaube ich – bei deinem Beitrag schlichtweg nicht klar, wohin du eigentlich möchtest.

  6. Pingback: #netzrundschau 07/2016 | SchöneSeiten

  7. Marc

    Alleine die Anmerkung in der Fußnote ist es wert, den Text zu lesen und ich habe bei genau demselben Abschnitt ähnlich gedacht wie von dir beschrieben, als ich diesen gelesen habe.
    Danke für deine wunderbaren Betrachtungen. Sie sprechen mir aus der Seele.

    Gruß
    Marc

    Antwort
  8. Katrin

    Ich habe nun dreimal angesetzt, einen Kommentar zu schreiben, und ende nun doch mit einer Verlinkung, weil da im Prinzip das drinsteht, was ich sagen will: http://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/digital-tut-gut/
    Das Nachdenken, wie mehr Teilhabe (so würde ich es nennen) möglich ist, ist für mich eine zentrale Folge der Digitalisierung und findet deshalb konsequenterweise auch v.a. online und nicht etwa in der FAZ statt. Und spätestens mit deinem Text – der ja gerade das Gegenteil von selbstreflexiv ist, weil er die Bedingungen der Macht befragt – ist immerhin hier an diesem Ort ein Anfang gemacht. Aber, klar, bis das weiter vor- bzw. nach oben durchdringt, wird’s ein wenig dauern. Wir bleiben dran 🙂

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Vielen Dank, auch für den Link, das ist ein sehr interessanter Beitrag! Zumal ich – als Münchnerin, die auch so ein bisschen in der Flüchtlingshilfe unterwegs ist – wirklich nicht genug betonen kann, wie wichtig die Bibliothek als Integrationsraum für Asylsuchende ist. Alle Geflüchteten, mit denen ich durch Deutschunterricht o.ä. Kontakt hatte, gehen zum Deutschlernen in die Stadtbibliothek. Das ist für viele, gerade die, die in Traglufthallen leben, der einzig ruhige Raum, in dem sie lernen können, und offensichtlich einer der wenigen kulturellen Räume, in dem sie sich Willkommen fühlen. Tausend Dank dafür!

      Antwort
  9. Bersarin

    Zum einen: Literaturkritik existiert, seit es Literatur als autonome Kunst gibt, die nicht mehr in kultischen oder religiösen Zweckzusammenhängen steckt, und seit es für diese Literatur ein breiteres Publikum gibt – also etwa seit dem 18. Jhd. Angefangen bei Lessing über die Romantik. Wenn Literaturkritik gut ist, so kann sie selber eine Form der Kunst sein. Die Schlegels, Karl Kraus, Hans Meyer, Raddatz zeigten dies. Insofern halte ich die Dichotomie zwischen Literatur und deren Kritik für falsch. Spätestens seit der Schlegelschen Romantik hat sich eine Form etabliert, die auf hohem Niveau wirkt und die die Kritik selbst in den Rang eines Kunstwerkes hob. Essayistisches Schreiben ist hier das Stichwort.

    „Du darfst erst eine Meinung zu Literatur haben, wenn du das studiert hast, wenn du durch die richtigen Sprachspiele dein ja immer subjektives Urteil als objektiv ausgeben und vor allem: Wenn du dich sprachlich fehlerfrei ausdrücken kannst, …“

    So ist es – zumindest dann, wenn es um eine ernstzunehmende Literaturkritik geht, die über den Befindlichkeiten oder einer rein subjektiven bzw. empfindungsgesteuerten Sicht auf Literatur steht. Und es ist richtig, daß die Kritik einer Sache ein bestimmtes Maß an Wissen und Kenntnis der Kultur voraussetzt. Alle, die das kritisieren, mögen sich überlegen, ob sie wohl Lust hätten, sich bei mir eine Wurzelresektion machen zu lassen, nur weil mein persönliches Freizeitsteckenpferd die Kieferchirurgie ist. Das Expertentum ist eine spezifische Wissensform der Moderne, und es hat seine Berechtigung. Bei jedem Arzt- oder Anwaltsbesuch sehen wir das ein. Wir sollten das auch bei der Kunstkritik akzeptieren. Wer mal eine Kritik von Hubert Winkels oder Jürgen Kaube gelesen hat, weiß, was ich meine: Ihre Urteile sind nicht bloß solche des Geschmacks, sondern sie sind von Kenntnissen getragen und können innerhalb der Literaturen Bezüge entfalten.

    Was kulturell wichtig ist, wird nicht von einzelnen oder bestimmten Gruppen festgelegt, sondern meist in Debatten und öffentlichen Diskursen. Manchmal allerdings bleiben diese aus – was man an der diesjährigen Bachmannpreisträgerin sieht, wo ein miserabler Text, der vor Klischees strotzte, ausgezeichnet und vom Feuilleton auch noch (weitgehend) einhellig bejubelt wurde. Oder ich erinnere mich an die Unisono-Lobhudeleien des Feuilletons auf mittelmäßige Texte, wie letztes Jahr bei Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“. Das passiert manchmal und bei ganz unterschiedlichen Gebieten. Bei Knausgard gibt (oder gab) es inzwischen ja Widerspruch. Aber es mischen sich eben immer wieder einmal auch Feuilletonisten wie Florian Kessler oder Biller ein, um Mankos und Defizite aufzuzeigen. Und auch der Text dieses Blogs ist ein Beitrag dazu. Ebenso gab es letztes Jahr auf dem Perlentaucher eine Debatte zur Literaturkritik. Daß keine kritische Öffentlichkeit da sei, kann man also nicht sagen, und bei solchen Debatten können sich genauso Menschen beteiligen, die meinen, sie seien ausgeschlossen. (Ausgeschlossen von was, muß man zudem fragen, angesichts vielfältiger Möglichkeiten der Teilhabe hat sich doch manches gebessert.)

    Was sind „People of Color“? Dazu gehört dann auch Max Biller? Feridun Zaimoglu, Senthuran Varatharajah, Ijoma Mangold, Abbas Khider, Navid Kermani. Ich denke eher, es ist eine Generationsfrage. Die, die heute in der Literaturkritik auf festen Posten sitzen, hocken da schon lange, sind in der Regel meine Generation und oft älter. Heute rücken in der Literaturkritik immer mehr Frauen nach, und es werden ebenso Menschen anderer Hautfarbe nachrücken, so wie das in der Belletristik ebenfalls geschieht. Ist eine Frage der Zeit und gesellschaftlicher Prozesse. Vor 40 Jahren war ärger: da gab es drei Päpste: M.R.R., Raddatz, Kaiser. Inzwischen hat es sich pluralisiert, und es wird sich durch den Wandel in den Medien weiter pluralisieren. Insofern sehe ich keinen Grund für Alarm. Es werden neue Köpfe nachrücken, auch solche aus migrantischen Milieus, die in der Literatur inzwischen ebenfalls ihren Platz haben. Gleiches gilt die Literatur selbst. Zahlreiche Übersetzungen, auch aus Ländern, wo manche kaum wissen, wie deren Hauptstadt heißt, sind auf dem Markt. Wer sich literarisch über Indonesien oder Nigeria informieren will, wird fündig und wer gut Englisch kann, dem stehen die Türen offen.

    „Wenn ich mir die Buchblogger und Booktuber ansehe, dann sehe ich fast nur Weiße.“ Machen, kann ich da nur raten: einen einfachen Blog oder einen YouTube-Kanal wird jeder mit einigen Klicks einrichten können.

    Mein Tip für alle, die was ändern wollen: Laßt in Euren Blogs Migranten und Flüchtlinge schreiben, teilt Euch Blogs mit anderen, wenn es Euch wichtig ist, daß auch solche Stimmen einen Ressonanzraum bekommen sollen. Ansonsten bleibt alles das nur ein Lippenbekenntnis. (Würde ich übrigens auch solchen Kritikern wie Georg Diez raten, die ja ansonsten bei solchen Themen immer vorne mit dabei sind.) Für das Online-Magazin tell, http://tell-review.de/ das seit einem halben Jahr am Start ist und wo ich redaktionell mitarbeite, ist dies ebenfalls langfristig eine Perspektive, denn oftmals sind diese Literaturen nämlich sehr viel interessanter als die der raketenangelnden gegenspielenden, sommerhausenden deutschen Mittelstandskinder.

    Richtig ist es, auf Probleme hinzuweisen. Aber zugleich sollte man eben auch machen und nicht nur im Klagen verharren. Das Internet bietet Möglichkeiten der Teilhabe, und lange schon ist nicht mehr das Feuilleton die einzige Instanz der Wissensvermittlung, denn auch im Internet gibt es fundierte Besprechungen und Blogs.

    Machtstrukturen lassen sich übrigens nie ganz ausschalten. Kommen andere dran, dann werden auch die ihre Seilschaften hineinhieven und Kumpel- oder Kumpeliene-Nester flechten. (Kann man gut hier in Berlin beobachten.)

    Antwort
    1. Bersarin

      Wie sollte man die Anzahl der Kritiker ausmitteln? Nach Bevölkerungsstatistik und dem Anteil von Schwarzen oder dunkelhäutigen Menschen? (Ist keine rhetorische Frage, sondern es interessiert mich, wie man das irgendwie ohne Quotierungszwang hinbekommt. Gleiches gilt übrigens im Theater. Kaum Schwarze.)

      Allerdings haben wir ein Gegenbeispiel: Da steht zumindest das „Zeit“-Feuilleton mit seinem Literaturchef Ijoma Mangold sehr gut aufgestellt da. „Die Zeit“ ist neben der FAZ eines der bedeutendsten Feuilletons der BRD. Deshalb aber schreibt Mangold nicht ein Stück mehr über bestimmte migrantische Literaturen oder forciert eine bestimmte Perspektive. Es gibt also noch kein Gewähr dafür, daß, wenn andere Hautfarben schreiben, sich im Duktus etwas änderte.

      Antwort
      1. kulturgeschwaetz Autor

        Hast du das Video angeschaut? Es geht erstmal um Vorbilder. Und wie viele fallen dir außer Mangold ein? Mehr als 5?
        Sorry, bin immer noch unterwegs, am Handy schreiben ist so mühsam.

    2. kulturgeschwaetz Autor

      Ein Nachtrag noch: Soweit ich das sehe, wurde Literaturkritik über die meiste Zeit hinweg vor allem von selbst Schreibenden oder Lehrenden verfasst. Die moderne, professionelle, hauptberufliche Literaturkritik ist meinem Wissen nach mehrheitlich durchaus eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts.

      Antwort
      1. Bersarin

        Zur Geschichte der Literaturkritik zu empfehlen: Th. Anz/R. Baasner: Literaturkritik. Geschichte, Theorie, Praxis. Seit es einen Markt für Literatur gibt, existiert, als Agent der Zirkulationssphäre die Literaturkritik. Diesen Markt gibt es seit dem 18. Jhd. Was Du aber vermutlich meinst, ist ein Wandel der Kritik in dem Sinne, daß die Kreise und Zirkel, mithin die Reichweite von Literatur im 20 Jhd. weiter ausfielen, weil insbesondere nach dem WW II sehr viel mehr Menschen an der Literatur partizipierten. Das änderte naturgemäß auch die Kritik. Übrigens schrieb bereits Ende des 19. Jhds Thomas Mann über die Literaturkritik und nahm sie gegen die Klagen der Schriftsteller in Schutz.

  10. Bersarin

    Ich kenne Booktube ehrlich gesagt nicht und beziehe aus diesem Medium keinerlei Infos. Hat Booktube Zugangsbeschränkungen? Wenn nein, dann können eigentlich nur die schwarzen und farbigen Menschen selbst dazu etwas sagen, weshalb sie dort nicht sind. Nicht anders als bei den Blogs. Sollte man nachfragen.

    Mit der Vorbildfunktion ist es kompliziert. Mangold zumindest ist ein Anfang. Daran ließe sich anknüpfen. Wie hoch ist der Prozentsatz von Menschen, die schwarzer und dunkler Hautfarbe sind? Auch das müßte man dazu wissen. Wie verteilen sich deren Interessen? Braucht man wirklich lebendige Personen als Vorbilder? Auch das muß man fragen. Genauso wichtig können Leidenschaft für Kunst, Ehrgeiz und der Wille sein, im Kulturresort zu arbeiten. Wobei man auch hier sagen muß: die Arbeitsplätze sind begrenzt, was man am Berliner Kulturjournalistenmedienpräkariat sieht: Feuilletonist oder Redakteur sind beliebte Berufe. Viele strömen dahin, und es gibt alle die, die gerne wollen, aber nicht dürfen und sich als Freelancer durch die Landschaft hangeln. Und damit ist dann auch die Konkurrenz hoch, zumal mancher Blogger sich eben am Ende doch gerne auf einer festen Redakteursstelle sieht. Da wird sicherlich viel gebissen, und es gibt jene Seilschaften, wo einer dem anderen hilft oder eben ein Beinchen stellt.

    Und da kommen dann vermutlich Nicht-Weiße wenig vor, und insofern müßte man dann auch die Personalpolitik von Zeitungen und dazu die betreffenden Personen in den Redakteursstellen ganz konkret befragen. Dürfte allerdings im eher linksliberalen Feuilletonmilieu ein beklemmendes und gesammeltes Schweigen des Dr. Murkesʼ und viel Abwiegelndes ergeben. Das also anzugehen und die Chefredaktionen und Ressortleiter von Zeit, FAZ, Welt, SZ, DLF-Kultur anzuschreiben und zu befragen, halte ich in der Tat für ein interessantes Projekt. Müßte man dranbleiben, sollte man allerdings dann auch entsprechende Nicht-Weiße dazu holen, die das wollen.

    Weiterhin: Wer ein Interesse hat, kann sich auch unabhängig vom offiziellen Betrieb zusammenschließen. Das, was etwa jemand wie Sieglinde Geisel und wir vom Team tell taten, können sicherlich auch andere – etwa Migranten, Flüchtlinge, Schwarze, Türken, Araber – wer auch immer. Man sucht einen eindrucksvollen oder irgendwie für die Sache ausdrucksstarken Namen und macht Literaturkritik. Unabhängig von „Zeit“ und FAZ. In den Zeiten der neuen Medien ist das nichts Aussichtloses. Aber eben viel Arbeit, was ich zumindest aus eigener Erfahrung und im Blick auf die unermüdlich schaffende Sieglinde und den programmierenden Anselm sagen kann.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Erneut: Hast du dir das Video angesehen? Zudem: Mit geht es erst Mal hier gar nicht um den Feuilleton, auch nicht um professionelle Literaturkritik, sondern mir geht es um Blogger und Youtuber. Eben dass hier die „Hemmschwelle“ so niedrig ist – jeder kann sich anmelden, man kann schreiben, was man will – und dass das trotzdem kaum wahrgenommen wird, finde ich bedenklich, gerade dann, wenn man immer wieder einen Begriff wie „Demokratisierung“ beansprucht. Es geht um die Frage: Können Blogger sich „Demokratisierung“ nicht nur als Selbstrechtfertigung auf die Fahnen schreiben, sondern können sie das auch aktiv umsetzen, und dann ginge es eben folglich um die Frage: kann hier Literatur vermittelt werden, und zwar auch so, dass es auch die erreicht, die sich sonst nicht zu Wort melden? Können Mechanismen, die wie ich schrieb meiner Meinung nach durch eine Allianz von professionellen Kulturverwaltern und Schulsystem erzeugt werden, hier ein Stück weit aufgehoben werden? Es geht dabei nicht in erster Linie um die von dir permanent erwähnten Geflüchteten, mir geht es beispielsweise um den Herren asiatischen Aussehens und die Dame mit Kopftuch, die mir morgens in der SBahn mit einem Buch gegenübersitzen, die ich aber hier im Reden über Literatur nicht sehe. Und ich bin mir unsicher, ob du damit recht hast, dass man dieser vielleicht strukturell ausgegrenzten Gruppierung es einfach selbst überlassen soll, sich mal selbst zu organisieren, im Sinne von: Dann schließt euch halt zusammen, not my business. Vielleicht müsste man erst einmal über das eigene Sprechen/Schreiben nachdenken und darüber, ob da nicht irgendwo implizit vermittelt wird: Hier kannst du nicht mitreden, oder: Das hier geht dich nichts an.

      Antwort
      1. Bersarin

        Wer da als weißer Blogger helfend eingreifen will, kann das auch tun und seinen Blog mit anderen teilen. Du kannst z.B. einen Aufruf starten, und vielleicht melden sich durch diesen Beitrag bei Dir Nicht-Weiße, die Lust auf solch ein Projekt haben, wo es um Partizipation geht. Und wenn Du selbst Nicht-Weiße kennst: Sprich die an! Ansonsten ist es an denen. über die wir reden, sich zu äußern.

        Weshalb fragt die Booktuberin in ihrem Video nicht ihre eigene Commmunity? Ich kann ihr die Antwort auf ihre Frage ganz sicher nicht geben. Ich sehe diese Frau über acht Minuten mit sich selber monologisieren und jammern. Besser wäre es jedoch, um eine Antwort zu finden, mit einer Kamera auf die Straße zu gehen und die Leute zu befragen oder für eine längere Diskussionsrunde einzuladen. Also nicht über, sondern mit den Leuten zu sprechen.

        Übrigens gibt es genauso die Möglichkeit, daß manche ganz einfach nicht wollen und es deshalb auch nicht machen oder sich andere Ausdrucksformen wie die Musik oder Street Art suchen. Mein Neffe liest wenig, ihn interessiert Literatur nicht. Die Frage, weshalb er wenig liest, ist sicherlich interessant. Aber die Beantwortung wird gewiß nicht dazu führen, daß er mehr liest. Es ist die Arroganz des Bildungsbürgers, daß er meint, alle müßten Bücher lesen und über Literatur schreiben oder booktuben.

        Ansonsten ist sicherlich der Deutschunterricht in Schulen ein geeigneter Ort, wo der Umgang mit dem Internet und mit Literatur gelernt werden kann. Dann sollen erfahrene Blogger, die sich für Partizipation interessieren, zusammen mit Lehrern etwas ausarbeiten. Nicht anders als bei uns, wo im Unterricht durch gute Lehrer die Lust auf Literatur und Kritik und Kunst geweckt wurde. Das hängt auch mit dem sozialen Wandel und sozialer Mobilität zusammen. Wo sozusagen die Bildung ab den 60er Jahren weiter bis in die Mittelschichten durchgereicht werden konnte, so daß mehr Menschen partizipierten und die Universitäten in den 80er Jahren mehr als gut gefüllt waren. (Zumindest als ich Ende der 80er bis Ende der 90er studierte.)

        Im übrigen lese ich in keinem Literaturblog: Hier dürfen nur Weiße mitreden, das geht dich nichts an. Nirgends, nicht einmal implizit. Genauso könnte man die Frage umkehren: Weshalb beteiligt ihr euch nicht, weshalb nutzt ihr diese grandiosen Möglichkeiten der Partizipation nicht? Dies sollte der erste Ansatz sein und man muß dann die Antworten abwarten. Wenn sich da dann Aspekte auftun, die auf Formen des Ausschlusses deuten, muß man in diese Richtung weiterdenken. Aber ohne daß man die Betreffenden nicht gefragt hat, bleibt das ein Stochern im leeren Raum. Es gibt übrigens ein schönes Liedchen, da kommt diese Zeile vor: „Es rettet uns kein höh’res Wesen,// kein Gott, kein Kaiser noch Tribun// Uns aus dem Elend zu erlösen// können wir nur selber tun!“

      2. kulturgeschwaetz Autor

        Entschuldige bitte, aber ich glaube, du hast das Video nicht verstanden, zumal hast du wohl überhört und übersehen, dass sie in ihrer Community gefragt und dann viele Booktuber verlinkt hat, die Erklärungen, die du hier als „Gejammer“ bezeichnest, gibt sie auf sehr reflektierte und eben nicht „jammerige“ Art und Weise selbst.
        Es geht mir nicht darum, dass jeder lesen muss, ich schrieb ziemlich deutlich, um wen/was es mir geht.
        Mit dem Thema Schule und soziale Mobilität hast du bestimmt recht.

  11. kulturgeschwaetz Autor

    Übrigens: Eine Bloggerin kenne ich schon, die als Fremdzuschreibung Person of Color ist, ich weiß nur nicht, ob sie sich auch so verstanden haben will und will ihr auch kein Label draufdrücken oder ihr die Rolle der Stellvertreterin für eine Gruppe überstülpen, weswegen ich auf eine Nennung und Verlinkungen verzichten möchte. Wenn sie das hier vielleicht lesen sollte und sich melden will, wird sie es ja tun.

    Antwort
  12. Kathrin

    Sehr interessanter Beitrag, dem ich im Großen zustimme. Ich musste deinen Beitrag allerdings zweimal mit ein paar Stunden Abstand lesen, um ihm von Anfang bis Ende gänzlich folgen zu kennen, da du hier wirklich eine ziemlich große Kurve von der Blogger-versus-Feuilleton-Debatte über Professionalisierung hin zur Gleichberechtigung/Diversity. Interessant finde ich diesen erfrischend anderen Ansatz aber durchaus.

    Worin ich dir gänzlich zustimme ist der Professionalisierungspunkt. Mir stößt es bei all den Bloggerdiskussionen auch immer bitter auf, wenn Professionalisierung ausschließlich mit Monetarisierung gleichgesetzt wird. Blogger können Geld mit ihren Beiträgen machen, aber trotzdem nicht professionell arbeiten und vice versa. Zur Professionalität gehört mehr als die Geldeinnahme, nämlich auch das Arbeiten nach gewissen Standards und Richtlinien innerhalb der Branche.

    Was den Begriff der Demokratisierung betrifft, denkst du hier leider wirklich etwas zu politisch. In der Medien- und Kommunikationswissenschaft bezieht sich dieser Begriff auf die erweiterte Öffentlichkeit und bedeutet nichts weiter, als dass sich jeder zu jedem Thema öffentlich äußern kann und dass auch Nischenthemen (oder im Fall der Buchblogs: Genres, die nicht vom Feuilleton abgedeckt werden) besprochen werden. Dazu gibt es auch unzählige Studien und Theorien (u.a.im Kontext der Überbrückung der Social Gap). Mit politischen Engagement/Debatten hat das wenig bis nichts zu tun. Dass es in der Realität noch immer so ist, dass sich eben nicht alle Gruppen repräsentativ in der Blogosphäre wiederfinden, steht auf einem anderen Blatt. Grundsätzlich haben alle die Möglichkeit, ihrer Stimme und ihren Interessen Ausdruck zu verleihen. Dass sie das nicht tun, liegt – wie Mara schon ansprach – vermutlich vor allem daran, dass viele dies gar nicht wollen, weil sie sich nicht für Literatur interessieren oder einfach kein Interesse daran haben, sich öffentlich darüber auszutauschen.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s