Stefanie Sargnagel – In der Zukunft sind wir alle tot

Sargnagel ZukunftEs ist gar nicht so leicht, über Stefanie Sargnagels neues-altes Buch „In der Zukunft sind wir alle tot“ zu schreiben – wenn man da ernsthaft heranginge und es als Literatur im klassischen Germanistikstudiums-Sinne behandeln würde, würde man dem Ganzen nicht gerecht, denn eine Autorin, die selbst nie irgendwas ernsthaft macht (oder sich so inszeniert), kann wohl kaum wollen, dass sie ernsthaft analysiert wird. Man kann sie schon zur Aphoristikerin verklären, man kann aber auch einfach schreiben: Da ist eine junge Frau, die einen riesen Spaß dran hat, so zu tun, als wäre ihr alles richtig egal, da ist eine junge Frau, die sich selbst zur Kunstfigur macht, und dabei so witzig und klug ist, wie es der ein oder andere Journalist, der über sie schreibt, und vor allem ihre Kritiker gerne wären.

Da ist zum einen dieses Buch, das bereits 2014 erschienen ist und nun vom Mikrotext-Verlag in einer aktualisierten, erweiterten Fassung veröffentlicht wird und dessen Titel ja nach wie vor großartig ist, weil er genau diese Brechung vollzieht, die Stefanie Sargnagel ständig bemüht: Da wird das Große, Hoffnungsvolle, die „Zukunft“ aufgegriffen und gleich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „sind wir alle erfolgreich“ wäre positiv, „sind wir alle unglücklich“ wäre weinerlich, „sind wir alle tot“ ist einfach eine nicht ganz angenehme Tatsache, die man aber wohl nicht abstreiten kann. Diese kurzen, in sich gebrochenen Kommentare hat Stefanie Sargnagel so weit perfektioniert, dass sie mit ihnen nicht nur eine recht große Fangemeinschaft auf facebook um sich sammeln, sondern inzwischen auch eben drei Bücher damit veröffentlichen konnte. Wie auch die anderen Bücher besteht auch „In der Zukunft sind wir alle tot“ aus gesammelten Facebook-Statusupdates, thematisch sortiert nach solchen, die um die Tätigkeit Stefanie Sargnagels im CallCenter kreisen und (also neuen, erweiterten Teil des Buches) solchen, die um die sog. „Flüchtlingskrise“ 2015 herum entstanden sind. Im ersten Teil, „Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?“, sind Statusupdates von 2013 bis 2014 versammelt, in denen Sargnagel abwechselnd ihren Lebensstil und ihren Job als einzig möglichen feiert oder als „Todesstrafe“ und „Hölle“ beklagt. Sie bringt damit wohl – wie schon in den letzten Büchern – durchaus treffend das Lebensgefühl und Dilemma einer Situation, in der viele aus dem einen oder anderen Grund in miesen Jobs feststeckende Jungakademiker sich befinden, auf den Punkt. Viele dieser hier gesammelten Nachrichten sind witzig, andere leider ein bisschen zu selbstmitleidig. Insgesamt macht Sargnagel hier genau das, was sie im Vorwort bereits ankündigt: Sie stellt einerseits fest, dass ein normaler 40-Stunden-Job „mein persönlicher Untergang gewesen“ wäre, andererseits bezeichnet sie ihre Lohnarbeit eben als „Sweat Shop“. Das ist alles so lesenswert, wie ihre vorherigen Bücher, aber eben auch auf Dauer ein bisschen langweilig, weil das, was Sargnagel macht, wenig Überraschendes und wenig Varianten zulässt. Dass man aber das, was Stefanie Sargnagel eben wirklich bis zur Kunstform perfektioniert hat, verkennen würde, würde man es als bloße Witzelei abtun, wird an solchen Zweizeilern deutlich, die zeigen, dass Sargnagel eine in ihrem Spott durchaus scharfe Beobachterin und Analytikerin ihrer Generation ist:

„Ok, ich probier auch mal irgendetwas zu unserer Generation zu sagen: Sie ist mit dem Irrglauben aufgewachsen, man hätte die Pflicht, im Leben glücklich zu sein.“ (S. 68)

Sehr viel besser und variantenreicher, großartig beobachtet und wirklich witzig ist der zweite Teil des Buches, „Refugee McMoments“, der Statusupdates aus dem Jahr 2015 versammelt und hier eine Willkommenskultur kommentiert, die Flüchtlingshilfe zum lifestyle-Happening macht – freilich ohne die Willkommenskultur an und für sich abzulehnen. Da sind zum einen die, die ihr eigenes Helfen permanent selbst dokumentieren und im Internet herumposaunen müssen, für die Sargnagel ein

„Ich mach T-Shirts ‚Flüchtlingsstrom 2015 – ich war dabei‘“ (S. 81)

und ein

„Ich will auch einen 15-jährigen Mohammed kennenlernen und mich anfreunden oder einer traurigen Oma Taschentücher geben oder ein Kinderlachen auslösen und so was, wie das, was ihr alle postet. Oida, ich verpass alle Refugee McMoments die ganze Zeit wegen meiner 50 Jobs“ (S. 81)

übrig hat. Und da sind die, die sich in dieser Situation, wo eben auf einmal alle sich mal kurzfristig nahezu darum streiten, auch mal ein Wasserfläschchen reichen zu dürfen, damit brüsten, dass sie ja schon viel länger Flüchtlingshilfe leisten und deswegen viel besser sind als alle anderen:

„Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.“ (S. 96)

Und da sind natürlich die, die die Willkommenskultur ablehnen, die eine bedrohliche Zukunft durch zuwandernde IS-Terroristen oder wachsenden Rechtsradikalismus beschwören, die Sargnagel auch nicht besser wegkommen lässt:

„Ich weiß jetzt auch nicht mehr, ob man jetzt zum Salafismus oder zum Nationalsozialismus wechseln muss, um eine halbwegs komfortable Zukunft zu haben. Ich üb erst mal Landschaftsmalen.“ (S. 96)

Wie Sargnagel hier rundum Watschen verteilt, ohne dabei irgendwann politisch fragwürdig zu werden, ist schon wirklich lesenswert, und zeigt, dass Sargnagel eben dann, wenn es nicht um sie selbst und ihr Leben, sondern Politik und Gesellschaft geht, zu ihrer wirklichen Form aufläuft. Daher ist es sehr erfreulich, dass Mikrotext die alte Ausgabe von „In der Zukunft sind wir alle tot“ um eben diese Anmerkungen zur sog. „Flüchtlingskrise“ erweitert hat.

Und da ist ja aber eben nicht nur das von Sargnagel Geschriebene, da ist auch sie selbst, als den Kulturbetrieb vorführende Kunstfigur. Da sind Journalisten, die meinen, sie sähen schlauer aus als sie, wenn sie versuchen, ihr möglichst „krasse“ Geschichten zu entlocken, und da sind Kulturmenschen, die meinen, sie wären irgendwie intellektuell überlegen und witziger als sie, wenn sie sie zum Bachmannpreis einladen, über den sie sich letztes Jahr schrieb, er sei wie „Deutschland such den  Superstar für Streber“. Wer ihr Vorstellungsvideo gesehen hat, weiß, dass sie eigentlich jetzt schon gewonnen hat, und dass eine 20-minütige Jurydiskussion über ihren Text, sollte dieser im Stile des Videos gehalten sein, eigentlich nur peinlich für die Jury werden kann, denn entweder man redet darüber gar nicht oder die Interpretationen werden ähnlich unfreiwillig komisch wie bei Hape Kerkelings „Hurz“. Was zumindest die Kunstfigur Stefanie Sargnagel von Literatursendungen hält, kann man ebenfalls in „In der Zukunft sind wir alle tot“ lesen:

„Gestern habe ich wieder diese Literatursendung ‚er.lesen‘ geschaut. Das ist so eine Sendung, in der sich alte affige Männer treffen und ihre Lieblingsthemen sind, dass ‚Neger‘ ein tolles Wort ist und Feminismus irgendwie lächerlich.“ (S. 35)

Vielleicht hat Stefanie Sargnagel aber auch einen ernst gemeinten Text beim Bachmannpreis eingereicht. In Wahrheit kann das niemand einschätzen, weil sie eben einfach macht, was sie will. Auch deswegen hat sie schon jetzt gewonnen.

Wenn Dana Buchzik Ende letzten Jahres über Sargnagel schrieb, ihre Bücher würden nicht verlegt werden, wenn sie 20 Jahre älter wäre, so unterschätzt sie diese Figur, die eben über generationsbezogene Themen hinaus durchaus eine politisch-gesellschaftliche Beobachtungsgabe hat und der man auch eine Fähigkeit zur Weiterentwicklung zusprechen sollte. Stefanie Sargnagel ist eine großartige Kommentatorin. „In der Zukunft sind wir alle tot“ ist eine Sammlung witziger, bissiger und genauer Analysen zum beginnenden 21. Jahrhundert. Ich weiß noch nicht, ob es Literatur ist oder eher ein Zeitdokument. Aber das muss ja nichts schlechtes sein, im Gegenteil: Pointiertere Kommentare zum Zeitgeschehen findet man in keiner Zeitung, schon gar nicht in den Onlinezeitungen, die eigentlich genau für die Generation gemacht wären, zu der Sargnagel gehört.

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Mikrotext als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

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10 Gedanken zu „Stefanie Sargnagel – In der Zukunft sind wir alle tot

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Stefanie Sargnagel – In der Zukunft sind wir alle tot – #Literatur

  2. Frank O. Rudkoffsky

    Schöner Beitrag! Erwähnenswert wäre vielleicht noch, dass die „Refugee McMoments“ gesammelt erstmals als Teil der Mikrotext-Anthologie „Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge“ erschienen sind.

    Antwort
  3. Pingback: Auto-Didaktik – hingehört & draufg(e)schaut … und nachgedacht

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