Von Verlagsvorschauen und Sprachkrisen

Wenn man die Buchbloggerzunft und diverse Verlagsfacebookseiten/twitteraccounts verfolgt (ja, VERFOLGT ist hier schon richtig), kommt man wohl derzeit nicht umhin, die Euphorie um die nach und nach erscheinenden Verlagsvorschauen für das Herbst/Winterprogramm zu bemerken. Da posten Verlagsmitarbeiter Fotos von gedruckten Ausgaben oder von Konferenzen, da sind die Blogger mit ihren Kaffeetassen und Blumensträußen, alle freuen sich – außer mir. Ich kann keine Verlagsvorschauen lesen, und das, obwohl sie eigentlich genau das bieten, was jemand, der einen geraumen Anteil seines Monatsgehaltes gerne der Buchbranche zukommen lässt, sich wünschen kann: Einen Haufen neuer Bücher, die man kaufen und danach ungelesen ins Regal stellen kann, weil man vermutlich nie die Zeit haben wird, sie alle zu lesen. Was natürlich nichts macht, ich kaufe ja Bücher wie andere Leute Kleidung oder Platten oder Wohnzimmerdeko – wenn der Tag schlimm war, kaufe ich mir ein Buch. Nein, eigentlich kaufe ich auch an guten Tagen ein Buch. Ok, normalerweise ist es auch nicht nur ein Buch.

Wie dem auch sei: Wenn die Verlagsvorschauen erscheinen, will ich mir keine Bücher kaufen. Ich will auch keinen Blog mehr schreiben, im Gegenteil, ich gerate in eine große Sinn- und Sprachkrise und möchte alles löschen, was ich je geschrieben habe. Denn die Verlagsvorschauen enthalten in geballter Form etwas, das sich überall findet, wo über Bücher geschrieben und gesprochen wird: Diese Literaturgeschwätzprosa, die sich leider häufig mit folgenden Begriffen umschreiben lässt: Kitschig, abgedroschen, abschreckend, langweilig. Ich verstehe auch ehrlich gesagt nicht, wen genau solche Sätze hier zum Lesen eines Buches anregen sollen:

„Leichtfüßig und wortgewaltig spaziert die Büchner­Preisträgerin Sibylle  Lewitscharoff mit uns durch Hölle und Himmel.“ (Suhrkamp zu: Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingstwunder)

Und ganz schlimm sind ja auch diese vielen Adjektive, die sich in Verlagsvorschauen besonders geballt, aber eben auch in jeder Rezension, auf jedem Blog und leider – das ist ja das Schmerzhafteste, was einem zu solcher Gelegenheit bewusst wird – auch auf meinem finden:

„Elena Ferrante hat ein literarisches Meisterwerk von durchdringender Strahlkraft geschrieben, ein von hinreißenden Figuren bevölkertes Sittengemälde und ein zupackend aufrichtiges Epos – über die rettende und zerstörerische, die weltverändernde Kraft einer Freundschaft, die ein ganzes langes Leben währt.“ (Suhrkamp zu: Elena Ferrante – Meine geniale Freundin)

Strahlkraft? Zupackend? Wirklich?

Oder:

„’Der letzte beste Ort‘ ist der fulminante Auftakt eines Erzählers, der Richard Ford und Philipp Meyer nachfolgt. Durchwirkt von der Ehrfurcht gegenüber der Schönheit seiner Heimat, in einer Sprache von kristalliner Vehemenz.“ (Suhrkamp zu: Callan Wink – Der letzte beste Ort)

Fulminant – durchwirkt – kristallin. Alles klar. Das mag jetzt so aussehen, als wäre man im Hause Suhrkamp besonders blumig unterwegs, der schlimmste Satz der Herbstvorschauen stammt für mich aber ganz klar aus dem Hause KiWi:

„Jonathan Safran Foer schreibt sich mit seinem dritten Roman endgültig in den Olymp der amerikanischen Literatur.“ (KiWi zu: Jonathan Safran Foer – Hier bin ich)

Wären solche Sätze Manuskripte, sie wären nie verlegt worden.

Gerade bei bekannten Autoren werden die eigenen Vorschautexte ja auch gerne noch zusätzlich durch Zitate aus großen Zeitschriften/Zeitungen unterstützt, so reicht es beispielsweise im Hause Rowohlt nicht, wenn man selbst über Eugen Ruges neuen Roman „Follower“ schreibt:

„Sprühend vor Einfällen, gespickt mit Überraschungen, genauso lustig und lustvoll wie politisch inkorrekt, ist Follower ein hochaktueller, würdiger Nachfolger des großen Familienromans. Ein finsteres, komisches, brillantes Buch.“

Nein, man ergänzt dieses Adjektivunwetter noch um Zitate wie:

„«Ein pulsierendes, vibrierendes, aufregend lebendiges Werk von enormer gestalterischer Phantasie, außergewöhnlich mitfühlend und vor allem von scharfem und erhellendem Witz.» The New York Times“

Oder, gleich eine Seite weiter zu David Wagners „Ein Zimmer im Hotel“, da möchte der Verlag den geneigten Leser gewinnen mit einer eher verwirrenden, dafür wie ein Geschwür auswuchernden Beschreibung wie:

„Ein Buch für alle, die unterwegs sind oder anderen eine Bleibe geben. Eine aufregende, anregende Reise der Wahrnehmung von lauter Sensationen des gewöhnlichen – eine Schule des Sehens.“

Während man sich da als Leser noch fragt, ob man eigentlich zur Zielgruppe derer, die unterwegs sind oder anderen eine Bleibe geben, gehört, und warum eigentlich genau dieses Buch „aufregend“ UND „anregend“ ist (wolle da jemand unbedingt eine Alliteration loswerden?), wandert der Blick nach rechts und fällt mit dem Satzzeichen in Tiefschlaf:

„«David Wagner hält wunderbar die Balance zwischen Melancholie und Lakonie.» Der Tagesspiegel“

Können die Worte „lakonisch“ und „Lakonie“ nicht langsam per Gesetz aus dem Literaturgeschwätz verbannt werden? Gefühlt wird dieses Wort entweder als Nomen oder als Adjektiv in 90% aller Buchbesprechungen verwendet, unabhängig davon ob es zutrifft oder nicht. Man hat bei manchen dieser Wörter und in manchen Texten über Literatur das Gefühl, diese Wörter würden wie Füllmaterial in einen Text gestopft um ihn aufzuplustern, damit er besser aussieht – mehr Inhalt hat er aber deswegen eben nicht.

Ich weiß nicht, wie ich jemals wieder über Bücher schreiben soll, wenn ich so etwas lese. Ich schreibe ja auch so, man kommt dem ja auch schlecht aus, denn irgendwelche Wörter muss man ja verwenden, und dann nutzt man halt die, die sich im Diskurs (das ist ja auch so ein Wort) so etabliert haben. Vielleicht sollten wir uns mal nicht immer nur fragen, nach welchen Kriterien man Buchkritiken verfassen könnte und wer jetzt eigentlich mehr Daseinsberechtigung hat, der Feuilleton oder der Blog, vielleicht könnten wir uns alle mal fragen: Mit welcher Sprache schreiben wir eigentlich über Literatur? Ist sie genau? Ist sie abgedroschen? Sagt sie überhaupt etwas aus? Infantilisiert sie den Autor nicht nahezu, wenn man ihm gnädigerweise zugesteht, ihm sei mit seinem Buch dieses oder jenes „gelungen“? Geht das nicht auch anders? Schreiben die Buchwerbetexter in der Sprache der Literaturkritik oder schreibt die Literaturkritik inzwischen in der Sprache der Buchwerbetexte?

Und, nur um das noch einmal ganz deutlich geschrieben zu haben: Ich schätze alle der genannten Verlagshäuser sehr. Sonst hätte ich ja gar nicht erst versucht, ihre Vorschauen durchzusehen. Und diese Floskeln, die finden sich überall und bei allen. Allein: „Braucht’s des?“ (G. Polt)

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33 Gedanken zu „Von Verlagsvorschauen und Sprachkrisen

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Von Verlagsvorschauen und Sprachkrisen – #Literatur

  2. Bersarin

    Es ist Werbung, Marketing, Anpreisen, Anbieten auf einem Markt. Denn alles, wirklich alles in dieser Welt ist von jenem Markt geregelt und er saugt. Selbst die Kultur. Sie ist (vielfach) kalkulierte Ware. Ich nehme diese Vorschauen lediglich als Anregung und um mich zu informieren. Die Texte lese ich gar nicht erst (oder nur selten), sondern ich schaue nur: Welche Bücher gibt es? Welche kommen neu? Schreibt der Sascha, die Nora, die Vea, die Monika, der Peter, mein geliebter Clemens ein neues Buch? (Nicht der aus Österreich, sondern der coole, der schreiben kann, der aus LE.) Die Frage ieinzig: Was geht?

    Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Nicht einmal in den Verlagsvorschauen.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Ja, natürlich, das ist Werbung. Aber wenn man Rezensionen liest, liest man ja dieselben Floskeln. Und da nehme ich mich wie gesagt gar nicht aus, auch wenn ich mich bemühe, keine Adjektivwolken zu erschaffen.

      Antwort
      1. Bersarin

        In den Rezensionen ist das allerdings nicht nur ärgerlich, sondern der Kritiker tut seine Arbeit nicht richtig. Wobei ich die Literaturkritik im Feuilleton durchwachsen sehe. Es gibt solche und solche. Ich würde es nicht pauschal sagen. Richtig ist allerdings, daß die fundierte Kritik, die lange Textstrecke, wie sie MRR oder Raddatz pflegten, weggebrochen ist. Immerhin aber gibt es Kritiker wie Ina Hartwig oder Hubert Winkels.

      2. kulturgeschwaetz Autor

        Ja, es gibt schon noch gute. Auch Meike Feßmann beispielsweise. Aber es kommt ja eben nicht von ungefähr, wenn Verlagsvorschauen Textauszüge aus Buchrezensionen einfach so als Ergänzung ihrer Werbetexte hinzuziehen können, ohne dass das stilistisch überhaupt ein Bruch wäre.

  3. C

    Naheliegende Zuspitzung eines allgegenwärtigen Problems. Im englischen Sprachraum werden diese Kreationen auf Buchrücken oder im Vorsatz als ‚bloopers‘ bezeichnet, was bei mir wohl nicht umsonst die Assoziation mit sich aus dem Moor erhebenden Gasblasen auslöst.
    Mit diesen Sätzen soll möglichst kunstvoll der Eindruck erweckt werden etwas zu sagen ohne dass viel gesagt werden kann. Denn wie das Buch von der einzelnen Leserin rezipiert wird, das ist jedes Mal ein persönlicher Prozess.
    Außerdem ist zwischen „Worte muss ich ja nun doch verwenden, denn ohne geht es ja nicht“ und überfüllten Adjektivkörben eine Menge Platz für Nuancen.
    Dass dieser nicht unbedingt genutzt wird könnte damit zusammenhängen dass der Blickkontakt zwischen dem Buch und dem potentiellen Käufer manchmal nur zehntelsekunden-lang ist. In dieser kurzen Zeitspanne lassen sich keine bewussten Reflektionen transportieren. Da führt der Weg zur Brieftasche nur direkt über das Stammhirn und die grundsätzlichsten Gefühle.

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  4. buchrevier

    Ich habe eine Idee. Was wäre, wenn man das alles Jonathan Franzen sagen lassen würde? Er ist ein geübter, um nicht zu sagen, fulminanter Klappentextschreiber, liefert auf Wunsch auch Vorworte,leichtfüßig und spritzig, doch mit ungeheurer Strahlkraft. Der kann das einfach und schreibt jeden in den Olymp der amerikanischen Literatur.

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      1. SätzeundSchätze

        Ich empfehle auch noch Kehlmann. Leichtfüßig-kristallin sind aber beide nicht.
        Dein Text ist klasse … ginge es nach den Vorschauen, wäre es im Olymp verdammt eng. Und vor allem hätten wir nur noch Meisterwerke zu lesen. Was ich ebenso öde finde: Die Bücher, die so angepriesen werden, von denen spricht ein Jahr später kein Mensch mehr. Das Verlagsgeschäft wird halt immer noch „geschäftiger“.

  5. susanne

    hallo kulturschwätzerin,
    außerordentlich gut beobachtet, was du da sagst. und: recht hast du! viel gefloskel, wenig wirklichlicher inhalt – das gilt für klappentexte der verlage (da kann man zumindest verstehen, warum sie sind wie sie sind) ebenso wie für viele blogger-rezensionen (hier verstehe ich es eigentlich nicht). mir verleidet das oftmals die lektüre solcher rezensionen, sie langweilen mich. leider stimmt aber auch – und das fuchst mich am meisten – ein anderer teil deiner analyse ganz furchtbar: dass man selbst anfängt in dieser sprache zu schreiben, die ja nicht die eigene ist und noch schlimmer, so rein gar nichst aussagt. ich kann für mich sagen, dass es – asche auf mein haupt – oftmals reine faulheit ist, die mich zu x-mal wiedergekäuten textbausteinen greifen lässt. da lässt sich schnell was hinspinseln, das diesen gewissen sound hat, den ich – im gegensatz zu dir – leider nicht so kritisch hinterfragt habe. dabei ginge es doch eigentlich um präzision, um genauigkeit, um gewissenhaftes formulieren. wozu sonst die tausendste rezension zu einem buch schreiben, über das vermutlich eh schon alles gesagt wurde (eben nur nicht von allen).
    also mich hast du sauber erwischt und für diesen klaps auf den hinterkopf (der hoffentlich mein denkvermögen tatsächlich erhöht) danke ich dir recht sakrisch. werd’s mir zu herzen nehmen. hoffentlich. und du: bleib weiter wachsam und kritisch und jenseits der masse derer, die sich darin gefallen leere sprechblasen zu produzieren.
    susanne

    Antwort
  6. marinabuettner

    Ich kenne das Thema aus meinen Buchhändlerzeiten. Allerdings hat sich nicht nur der Buchhandel verändert, sondern auch die Verlagsvorschau. Beschreibungen wie, „Pageturner“ oder „für Leser von …“ finde ich ebenso schlimm wie Marketingaktionen alá Juli Zeh oder jetzt Ferrante.
    Glücklicherweise kann ein geübter Leser (oder zumindest Buchhändler) auch heute noch aus den Vorschauen herauslesen, was sich wirklich lohnt. Das Gespür möchte ich zumindest mir nicht absprechen.

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  7. letteratura

    Ich habe die genannten Vorschauen auch angeschaut und musste beim Lesen Deines Textes feststellen, dass ich diese Empfehlungen, Beschreibungen, was auch immer, des jeweiligen Verlages gar nicht lese oder nur überfliege, es ist ja klar, das ist Werbung und soll mich dazu bringen, das jeweilige Buch zu kaufen und ja, das ist schwammig und sagt wenig über das Buch aus. Ich entscheide nach einfachen Kriterien, was auf meine „Vielleicht-Lesen-Liste“ kommt: Kenne und mag ich den Autor? Spricht mich die Story an? Das macht es nicht natürlich nicht besser. Aber wird sich vermutlich auch nicht ändern. Dass man selbst diese Sprache annimmt, passiert vermutlich schnell, auch automatisch, da kann man sich bestimmt mal genauer beobachten.

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  9. kommentarblog

    Die Verlage dürfen das von mir aus, machen aber keine gute Figur dabei. Wirklich schlimm finde ich es, wenn Literaturkritik (egal ob im Feuilleton oder auf Blogs), die wirklich Kritik sein will und sich vollmundig „anspruchsvolle Literatur“ auf die Fahne schreibt, damit ankommt. Mir vergeht da nicht nur die Lust, ich verliere gleich den Respekt. Definitiv lehnen sich viele sehr weit aus dem Fenster, wenn sie das Gelungen-Prädikat vergeben. Vermutlich fallen sie nicht, weil die gemeine Leseratte zu Wasser in den Hinterbeinen neigt und entsprechend erhöhte Bodenhaftung hat. Doch, da ist dir ein fulminanter Blogbeitrag gelungen. Danke.

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  10. Chris (booknerds.de)

    Ich lese NIE die Anpreisungen und dergleichen, sondern einzig und allein die Buchbeschreibung. Darum rege ich mich auch gar nicht mehr auf.

    Viel mehr stört mich bei den meisten Vorschauen der dominante Bildanteil. Da wird ein Buch über drei oder vier Seiten beworben, Displays abgebildet, das Buch selbst noch mal in 3D, dazu das Cover. Obendrein dann ein riesiges Konterfei des Autors. Nur: Warum?
    Mir reicht das Buchcover in Zigarettenschachtelgröße, ein paar Zeilen zum Buch, die bibliographischen Angaben, und ein Bild des Autors genügt mir in Briefmarkengröße.

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    1. kommentarblog

      Man darf aber auch im Auge haben, dass die Verlagsvorschau sich in erster Linie an Buchhändler richtet, für die schon interessant ist, was der Verlag an Marketingaktionen plant.

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  11. 1miko1

    Ich finde es sehr gut, wie Random House agiert. Die schreiben, wenn sie Autorin B vorstellen: „Für Leserinnen von Autorinnen A und C“. Schublade auf, B reinfallen lassen zu A und C, und die Buchhändlerin ist orientiert. Die Vorschau soll ja in erster Linie die Buchhändler überzeugen.

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  14. Maike

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Vielleicht sollte man die Verlagsvorschauen mal genauso gründlich analysieren wie Arbeitszeugnisse. Ich vermute zum Beispiel, dass in einem Roman, der laut Verlagsbeschreibung „in leisen Tönen daher kommt“, nicht viel passiert. Das schriftstellerische Analog gewissermaßen zu „stets bemüht“ ;-)). Es gibt bestimmt noch mehr solcher Begriffe, die sich immer wieder in den Vorschauen tummeln.

    Antwort
    1. 1miko1

      Jede/r ist eingeladen, folgenden komplexen Gedankengang nachzuvollziehen: der Verlag schließt einen Verlagsvertrag über ein erzählendes Prosawerk ab, der mit einer mindestens mittleren fünfstelligen Investition verbunden ist. Diese Investition soll wieder eingespielt, das Vertrauen des Autors durch ein entsprechendes Honorar gerechtfertigt werden.
      Dazu müssen vor allem zwei Interessengruppen im Boot sein: Handel und Medien. Beide ticken völlig unterschiedlich. Der Handel will wissen, ob es sich für ihn lohnt, das Buch zu bevorraten und Kunden anzubieten, die noch nicht wissen, was sie suchen. Die Medien wollen wissen, ob der Autor eine relevante Stimme hat. Beide wollen eine Einordnung des Buchs, die ihnen zeigt, wer sich damit näher befassen sollte. Dazu kommt, dass der Autor einen Rechtsanspruch hat, die Texte und Bilder abzusegnen.
      Außer der mündlichen Kommunikation gibt es nur ein Kommunikations-Mittel, die Verlagsvorschau. Verlagsvorschauen zu produzieren, ist teuer. Handel und Presse völlig separat mit hoch angepassten Vorschauen zu bedienen ist noch teurer und vom Organisations-Aufwand her kaum zu bewältigen.
      Wer an diesem Punkt einen Vorschlag zur aufwandsneutralen Verbesserung von Texten und Kommunikation hat, wird sicherlich in Verlagen gern angehört.

      Antwort
      1. kulturgeschwaetz Autor

        Hm, vielleicht um meinen Punkt noch einmal zu betonen: Ich finde Verlagsvorschautexte oft abgedroschen und damit eher abschreckend, ja, aber es sind eben Werbetexte, da ist das ok – was nicht bedeutet, dass man nicht auch hier die Sprache mal kritisch hinterfragen kann. Was mich aber wirklich stört und was ich wohl deutlicher hätte herausarbeiten müssen, ist, dass die Literaturkritik diese Sprache der Werbetexte mitnutzt. Spätestens wenn sich eine Buchrezension liest wie eine Verlagsvorschau, ist sie eben nicht mehr Kritik, sondern Werbetext.

  15. aleshanee75

    Haha, wie recht du hast! Wenn man das so geballt liest, kommt man echt ins Grübeln *lach*
    Ich selber schau mir die Verlagsvorschauen nicht an – ich guck eigentlich nur auf den Blogs, wenn die sich Bücher rauspicken und zeigen, was im nächsten halben Jahr so kommt, da verpass ich diese ganzen Ausschweifungen 😀

    Ich hab deinen Beitrag übrigens über die Stöberrunde bei Fluchtpunkt Lesen gefunden und werd mich auch gleich noch ein bisschen bei dir umschauen 🙂

    Liebste Grüße, Aleshanee

    Antwort
  16. 1miko1

    @kulturgeschwaetz: Demnach sind die Medienleute die „Täter“. Ohne sie ungebührlich in Schutz für ihre Sprachverbrechen zu nehmen: Auch die unterliegen harten Marktbedingungen. Viele haben kaum Zeit, das abzuschreiben, was die Verlage so an Texten liefern. Und dafür ist das Verlagsgeschwurbel auf den ersten Blick besser geeignet als Bulletpoint Bulletpoint Bulletpoint Bang Bang Bang. Am besten ist es, die Bücher zu LESEN und dann was Kluges zu SCHREIBEN und der Versuchung zu widerstehen, sich als Rezensenten zu produzieren. Aber wie soll man das machen? Als freier Rezensent verdient man pro Stunde weniger als den Mindestlohn, wenn man seine Arbeit ernst nimmt.

    Antwort
      1. 1miko1

        Die absolut überragenden Leute kriegen es hin. Und die, die andere Alimentierungs-Quellen haben und nicht so auf ihre Stundenproduktivität schauen müssen. Ich spreche aus eigener, teilweise leidvoller Erfahrung auf beiden Seiten des journalistischen Bildschirms 🙂

  17. Christina

    Recht hast du, schön geschrieben und mich erwischt. Mir irritieren auch immer die vielen Preise, mit denen Autoren ausgezeichnet wurden. Auf Gefahr hin, dass ich mich oute: Aber muss ich die alle kennen?

    Antwort
    1. 1miko1

      @Christina: das sind vielfach öffentliche Subventionen. Sie helfen Autoren, wieder ein Jahr wirtschaftlich durchzuhalten. Von Rezensionen, kleinen Lehraufträgen, einzelnen Abdrucken und Verlags-Honoraren ist kaum ein Leben möglich. Wer also nicht vermögend ist oder keinen solventen Partner hat, kann auch mal durch ein Stadtschreiber-Amt gerettet werden. Die literarischen Verlage sind interessiert an Preisen für ihre Autoren, da sie beim Marketing helfen können, und versuchen daher ihren Einfluss in der Szene (Medien, Influencer, Jurys, Kulturreferenten/-dezernenten, Sponsoren) so gut wie möglich zu nutzen.

      Antwort
  18. Pingback: [Sonntagsleserei]: Mai 2016 oder Warum Lesen?-Über Mickey Maus zur Belletristik – Lesen macht glücklich

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