Shumona Sinha – Erschlagt die Armen

Sinha ErschlagtEine Frau, die selbst als Migrantin in – nach dem Erscheinungsort des Romans mutmaßlich – Frankreich lebt, arbeitet dort als Dolmetscherin für die Ausländerbehörde, zumindest bis sie einen männlichen Migranten mit einer Weinflasche schlägt. Das Buch besteht aus ihren Reflexionen während des sich daran anschließenden Verhörs und Gefängnisaufenthalts. Entsprechend ist der ganze Roman ein langer reflexiver Monolog in assoziativ aneinandergereihten Gedankensträngen, die durch die Rahmenhandlung der Tat und des Verhörs zusammengehalten werden, und das ist angesichts der Lebensphilosophie der Protagonistin nur konsequent, denn: „Das Leben ist ein Monolog. Auch wenn man glaubt, ins Gespräch zu kommen, ist es nur das zufällige Zusammentreffen von zwei Monologen, die, vielleicht ein wenig verwundert, voreinander zum Stehen kommen.“ (S. 29) Kommunikation scheitert in diesem Buch an vielen Dingen, primär aber an Lügen, die die Migranten, für die sie übersetzt, vorbringen, um Asyl zu erhalten, und am Unverständnis, das die Bürokratie den Migranten, aber auch die Migranten dem Fluchtland und alle Parteien der Protagonistin entgegenbringen. Dies und das zwischen-den-Stühlen-Sitzen der Dolmetscherin, die als solche sprachlich wie emotional zwischen den Migranten und der Bürokratie zerrieben wird, führt zu einem Riss in der Identität der Protagonistin, den diese durch einen Seitenwechsel auf die Seite der Bewohner ihrer Wahlheimat zu überwinden sucht: „Ich hatte die Seiten gewechselt.“ (S. 40)

Geschlecht und Gefühl

Empfand die namenlose Dolmetscherin zunächst Mitleid zumindest mit einer Migrantin, so empfindet sie doch den Männern gegenüber, deren Worte sie mehrheitlich übersetzen muss, vor allem Wut: Über deren Frauenbild, dem sie selbst durch Flucht entkommen ist, und ihre herablassende Behandlung ihr und den ihnen gegenüber sitzenden Sachbearbeiterinnen gegenüber. Sie tritt aus dieser Wut heraus in eine innere Allianz mit den einheimischen Beamtinnen, die sich bis zum sexuellen Begehren steigert: Lucia, eine weiße, blonde, gelockte Frau ist Ziel ihrer Sehnsucht und Objekt ihres Anhimmelns – aber nur aus der Ferne. Ein Wunsch, der genauso in dem Wunsch, wie diese zu sein, wurzeln könnte wie in sexuellem Begehren. Die Protagonistin will nicht sie selbst sein, sie will Einheimische ihrer neuen Heimat sein. Da dies ihr aber verwehrt zu sein scheint, hat sie weiterhin Sex mit Männern, in dem sie sich selbst aufhebt, sie spricht von „sexuellem Nihilismus“ (S. 75) – sie schläft mit Männern, die sie begehrt, nicht aber liebt, und verleugnet sich damit selbst. Ein Vorwurf, den sie auch den Männern macht, die Asyl beantragen: Diesen wirft sie vor, ihr Fluchtland nicht zu lieben, sondern zu begehren und dass sie mit den Lügengeschichten, die sie in der Ausländerbehörde erzählen, um Asyl zu bekommen, ihre Identität und Geschichte aufheben. Gerade weil sie wohl erkennt, wie viel ähnlicher sie diesen Männern ist, als sie es sein möchte, wechselt sie die Seiten, liebt eine Frau, will Einheimische sein und zu diesen gehören, und empfindet Scham und Ekel vor den Männern – sie projiziert ihre eigene Verzweiflung, ihren eigenen Selbsthass und ihr eigenes Fremdheitsgefühl auf die Männer und verzweifelt darüber noch mehr, da sie so in die vollständige Isolation gerät. In ihrer sehr lyrischen, für die Hässlichkeit des Dargestellten und des von der Protagonistin Gedachten abstrus stark ästhetisierten Sprache, vergleicht sie die Männer als Ausdruck ihres Ekels mit Tieren, vor allem Quallen, und bedrohlichen Flutwassern. So sehr, wie sie permanent in ihren Übersetzungen versucht, die wahre Geschichte der Männer hinter ihren Lügen ans Licht zu bringen, so wenig erfährt man über ihre eigene Geschichte.

Migrant und Nicht-Migrant

Im Gegensatz zu den Männern, die ihr Fluchtland begehren, aber nicht lieben, liebt die Protagonistin ihr neues Land: Sie hat sich erfolgreich um Integration bemüht, alles an ihrer Wahlheimat scheint ihr schöner als in ihrem Herkunftsland, vor allem die Sprache: „Die Fremdsprache schmolz in meinem Mund, hinterließ ihr Aroma. Die Wörter meiner Muttersprache lagen mit beim Sprechen sperrig im Mund, lähmten meine Lunge, hallten in meinem Kopf nach, hämmerten in meinem Hirn wie falsche Töne eines verstimmten Klaviers.“ (S. 20) Ihr Herkunftsland beschreibt sie in düsteren, nahezu apokalyptischen Bildern voll Wasserfluten, Gestank und Krankheit. Ihre Herkunft – und damit einen Teil von ihr, mit dem sie auf der Ausländerbehörde ständig konfrontiert wird – ekelt sie, das Elend, dem sie entronnen ist und das ihr in Form der Migranten nun permanent vor Augen tritt, erzeugt in ihr ein Gefühl der Scham. Wie sehr sie sich mit den weißen Frauen der Wahlheimat verbündet und ihren Selbstekel auf die Migranten projiziert, wird vor allem an ihrem Verhalten als Dolmetscherin deutlich: Immer wieder wird von den Migranten, aber auch von Anwälten o.ä. angenommen, sie müsse zu „ihren Leuten“ halten, was sie allerdings nicht tut: Im Gegensatz zu anderen Dolmetschern übersetzt sie nicht zu deren Gunsten. Fragen die Asylbewerber sie nach Tipps, so verweigert sie diese, hält dafür aber einen langen, belehrenden Vortrag darüber, dass im Fluchtland auch nicht alles so rosig sei, wie sie sich das vielleicht vorstellten. Ihr Mitleid und ihre Sympathie gehört den Sachbearbeiterinnen, nicht den Migranten. Schließlich kommt nicht nur der sie verhörende Herr K., sondern auch der Leser zu dem Schluss, um den auch die Protagonistin selbst weiß, auch wenn sie ihn zurückweist: „Herr K. hatte aus mir eine Pappfigur gemacht. Die zu seinen einfach gestrickten Verdächtigungen passte, eine gewöhnliche Überläuferin, aber eine, die zudem alle verachtet, die ihr ähnlich sind. Eine Frau im Exil, so entfremdet, dass sie die Ihren nicht mehr erkennt. Ihre Hingabe für dieses Land macht sich durch Übereifer verdächtig. Durch die nie dagewesene Umkehrung der grundlegenden Ordnung. Ihre Liebe zum Einen ist in Wirklichkeit nur der Hass des anderen. Sie schließt diejenigen in ihre Arme, die sie am wenigsten kennt, und lehnt ihr Volk ab, um sich selbst nicht ins Gesicht sehen zu müssen, um sich selbst zu entkommen.“ (S. 123) Dabei weiß sie selbst darum, wie albern ihr Versuch, die Seiten zu wechseln ist, sie selbst bezeichnet den Pelzkragen ihres Mantels, den sie trägt, als sie Lucia besuchen will und den Migranten schlägt, als „spießig“ (S. 122).

Die beiden Seiten des Schreibtischs: Bürokratie

All dies wird symbolisiert durch ihren Beruf, den der Dolmetscherin, die im bürokratischen System der Ausländerbehörde beide Seiten des Schreibtischs – die des Antragstellers und die der Sachbearbeiterin – verbindet. Einst selbst mit der Einreisebürokratie konfrontiert, hat sie nun tatsächlich die Seite gewechselt, ist nun Teil dieser Bürokratie, die sie als abstrus empfindet. Abstrus ist das System in seinem Unverständnis, das sich in den Fragen der Beamtinnen spiegelt (S. 27) und das sie nach einer besonders realitätsfernen Frage zu einem hysterischen Lachanfall bringt: Das System kann die Realität nicht erfassen, sondern nur in vorgefertigte Schubladen pressen. In der Psychologie würde man der Protagonistin einen Burn-Out attestieren, das Elend, mit dem sie konfrontiert wird, verfolgt sie noch bis in den Schlaf (S. 33), sie fühlt sich überfordert, weiß weder mit den schweren Schicksalen, die sie übersetzt, noch mit der Enttäuschung über die permanenten Lügen umzugehen. Der Versuch, die existentielle Krise durch einen Seitenwechsel zu überwinden, scheitert: Durch das Schlagen eines Migranten fällt sie aus ihrer Stelle im bürokratischen System, sie kann nicht mehr versuchen, durch ihre Übersetzungen die Wahrheit ans Licht zu bringen und somit am Entscheidungsprozess der Beamtinnen mitzuwirken, also auf der anderen Seite des Schreibtisches zu sitzen. Durch ihre Tat wird sie selbst wieder Objekt eines bürokratischen Systems, nun der Justiz, und auch dieses kann sie und ihre Realität nicht erfassen, sondern nur in vorgefertigte Schubladen pressen, sie zu „einer Pappfigur“ (s.o.) machen, auch wenn die Wahrheit komplexer ist.

Ihr Seitenwechsel ist auf mehreren Ebenen gescheitert: Auf der Ebene der Bürokratie, der Wahrnehmung durch die Einheimischen, die sie immer noch als eine Migrantin sehen, und auf der Ebene der Liebe, denn auch die Beziehung zur verehrten Lucia bleibt ihr verwehrt. Am Schluss dieses Scheiterns steht: „Es ist Zeit, nach Hause zu gehen.“ (S. 127). Ob sie damit die Stadt, in der sie jetzt wohnt und die sie noch eine Zeile zuvor als „Wohnstatt“, nicht als „Zuhause“ bezeichnet hat, meint, ist fraglich. Ihren eigenen Namen hat sie verloren (S. 127), sie hat sich nun durch den gescheiterten Versuch ihres Seitenwechsels nicht nur sexuell, sondern auch existentiell selbst aufgehoben.

„Erschlagt die Armen!“ reflektiert aus Sicht einer hochgradig zerrissenen Figur den Strudel der Verzweiflung, in den jemand, der mit dem westlichen bürokratischen System konfrontiert wird, gerät, unabhängig davon, ob er Subjekt oder Objekt dieses Systems ist – das System mit seinen Eigengesetzlichkeiten, die Asylbewerber zum Lügen zwingen und somit auf Seiten der Sachbearbeiter Enttäuschung, Misstrauen und einen negativen Eindruck von den Antragstellern heraufbeschwören muss, macht alle zum Objekt dieses Systems.

Leider gelingt es aber Sinha nicht, genau das eindringlich herauszuarbeiten, irgendwie scheint hier alles Randgeschehen zu sein, sogar ihre Gewalttat. Und so bildreich die Sprache des Romans ist, so redundant sind die Bilder leider auch. Irgendwie ist das alles ein bisschen langweilig, ein bisschen nichtssagend und ein bisschen egal. Abbas Khiders „Ohrfeige“ ist das bessere Buch, wenn es um eine Auseinandersetzung mit der Asylbürokratie geht, auch wenn die Perspektive, die Sinha wählt, eine andere und ebenfalls interessante wäre. Aber das hilft halt nichts, wenn man das Buch dann doch recht schnell wieder vergisst.

Übrigens: Natürlich war auch dieses Buch bei seinem Erscheinen im letzten Jahr das „Buch der Stunde“, so Milena Hassenkamp in der ZEIT. Auf meiner Liste der Formulierungen, die ich nicht mehr lesen will, steht „Buch der Stunde“ inzwischen ganz nah neben dem Wort „lakonisch“.

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3 Gedanken zu „Shumona Sinha – Erschlagt die Armen

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  2. Bersarin

    Ich bin mir nicht ganz sicher: Aber hat die Erzählerin den Mann wirklich umgebracht oder nur geschlagen? (Ich würde letzteres annehmen.) Der Titel des Romans bezieht sich auf das Baudelaire-Gedicht, in dem sich am Ende der Bettler, der von dem Passanten in Ich-Erzähler-Gestalt geschlagen wird, wehrt und zurückschlägt.

    Für die inneren Reflexionen der Ich-Erzählerin ist es vermutlich egal, denn diese Geschichte bleibt ja Episode, wir haben keinen Entwicklungsroman, sondern kalt-verdichtete Beobachtungen, Momenthaftes. Diese Kälte ohne jedes Engagement hat in ihrer Erzählhaltung durchaus etwas Bestechendes. Jenseits von Gut und Böse sozusagen: die überkommenen Begriffe taugen in der zerrütteten Welt nicht weiter. Die Flüchtlinge und Asylsuchenden sind so gut oder so schlecht wie alle anderen Menschen auch, nicht anders als die autochthonen Pariser. Was dieser Roman zumindest im Anschnitt und Ausschnitt gut zeigt, ist das zerrissene, unglückliche Bewußtsein jener, die zwischen den Welten zu Hause oder eben nicht zu Hause ist. Diese Blick von beiden Seiten der Trennlinie her hat seinen Reiz, wenngleich es stimmt, daß etwas in den Buch fehlt. Aber vielleicht ist es ja gerade diese Kälte, die uns Leser*innen so ratlos zurückläßt. Keine Haltung ist vorhanden, sondern düsteres Reflektieren. Diese aporetische Sicht wiederum gefällt mir gut.

    Antwort
    1. kulturgeschwaetz Autor

      Ja, tatsächlich habe ich auch darüber nachgedacht – vielleicht wäre es ohne die von dir benannte Kälte auch zu platt geworden, so entzieht sich ja die Erzählerin letztlich, was eben sehr gut passt. Mit dem Schlagen/Morden magst du recht haben, müsste ich nochmal schauen, wozu ich leider vielleicht zu faul sein werde… Edit: Du hast recht, ich korrigiere.

      Antwort

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