Cormac McCarthy – Die Straße

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„Die Straße“ von Cormac McCarthy ist ein ganz scheußliches Buch von großer innerer Schönheit. So schwülstig muss man einen Blogbeitrag zu diesem Buch beginnen, tut mir leid.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Ein Vater läuft mit seinem Sohn eine Straße in einer postapokalyptischen Welt entlang, in der alles verbrannt ist und nichts mehr lebt – bis auf ein paar einzelne Menschen. Wie es dazu gekommen ist, erfährt der Leser nicht, denn der Roman diskutiert ganz andere Fragen: In seiner minimalistischen Sprache und Handlung wirft er die beiden Figuren auf ebenso minimalistisch-grundlegende wie große moralische und metaphysische Fragen zurück: Kann man angesichts des Elends an einen Gott glauben? Kann man sich Moral leisten? Gibt es das Gute inmitten des Bösen? Wie kann man leben, wenn man keine Zukunft hat?

Umgekippte Regale. Irgendein Zorn auf die zu Tausenden in Reihen angeordneten Lügen. Er hob eines der Bücher auf und durchblätterte die schweren, aufgequollenen Seiten. Er hätte nicht gedacht, dass der Wert des geringsten Gegenstandes eine künftige Welt voraussetzte. Das überraschte ihn. Dass der Raum, den diese Gegenstände einnahmen, selbst schon eine Erwartung war. (S. 167)

Ich schätze mal, dass es nicht viele Autoren gibt, die aus so wenig Stoff so viel erschaffen können – ein Buch praktisch ohne Handlung zu schreiben, das derartig packend und aufwühlend ist, und mit einer so einfachen Sprache so schön zu schreiben ist Kunst.

Es macht überhaupt keinen Spaß, dieses Buch zu lesen. Die Atmosphäre ist so düster und erdrückend, dass ich etwas getan habe, was ich sonst nie tue: Mitten im Buch habe ich erst das Ende gelesen, und das, obwohl das Ende ja durchaus vorhersehbar ist. Und dann habe ich das Buch doch noch fertig gelesen – und zum Schluss geweint wie ein Schlosshund, obwohl ich das Ende ja kannte. Ich denke, das ist erwähnenswert, denn ich bin keine große Heulsuse beim Lesen und ich nehme mir sonst nie das Ende des Buches vorweg. Und wenn man sich durch ein Buch zu solchen Dingen gezwungen sieht, muss das schon ein besonderes Buch sein. Und das ist es.

Freilich ist die Schwarz-Weiß-Malerei des Autors hinsichtlich seiner Trennung von Gut und Böse platt und viel zu einfach. Natürlich ist das Ende vorhersehbar, die Handlung nicht originell und auch ich musste mich immer wieder zwingen, weiterzulesen. Man muss sich hier zum Lesen zwingen, denn wenn man dieses Buch nicht liest, bereut man es. Davon bin ich überzeugt. „Die Straße“ ist ein großes Buch.

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4 Gedanken zu „Cormac McCarthy – Die Straße

  1. Pingback: [Kulturgeschwätz] Cormac McCarthy – Die Straße - #Literatur | netzlesen.de

  2. karu02

    “ Man muss sich hier zum Lesen zwingen, denn wenn man dieses Buch nicht liest, bereut man es“
    Aber nicht in dem Sinne: Lies es und Du wirst es bereuen, lies es nicht und Du wirst es auch bereuen?

    Antwort

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